Aus dem Leben eines Superhelden – Kapitel 3


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Aus dem Leben eines Superhelden

Superhelden. Sie haben’s näher zur Toilette als andere, und der nächste Superschurke ist nur eine Comicseite weit weg – könnte man meinen. Stimmt aber nicht. Der ärgste Feind des Superhelden ist die Normalität. Glaubt mir, ich weiß wovon ich rede.

Kapitel 3

Untertitel: Dein Cape stinkt nach Fisch. Du solltest Aufträge von der Fischereiinnung einfach nicht mehr annehmen. Das schadet Deinem Image.

Ich erinnere mich noch daran, als ob es gestern war: Mein erstes Superheldenkostüm bestand aus einer verwaschenen, faserigen, und leicht bis mittelschwer löchrigen Wrangler-Jeans, und einem original blassoliven, »garantiert-in-Nam-gewesenen« US-Army-Parker. Darunter ein löchriges Sweat-Shirt auf dem irgendein Südstaaten-Enblem verblasste.

Ich war damals quasi permanent in dieser Montur unterwegs. Ich war ein 24-Stunden-7-Tage-Superheld. Immer im Dienst. Immer den nächsten gesellschaftlichen Fehltritt im Visier, und immer in meinem Superheldenoutfit unterwegs.

Die Welt hatte ich im Griff. Entweder ignorierte ich sie mit meiner Superkraft »Pubertätsignoranz«, oder aber ich verbesserte sie mit meiner Superkraft »Ich-weiss-alles-besser«. Meine Lieblingsgegner in der damaligen Zeit waren meine Lehrer. Das ist allerdings eine andere Geschichte.

Die Welt hatte ich im Griff – bis auf eine Ausnahme: Meine Mutter! Genauer gesagt, meine Mutter und ihre Waschmaschine. Oder, noch detaillierter: Meine Mutter, ihre Waschmaschine, und die unbedingte Absicht dieses teuflischen Duos, mein Superheldenoutfit zu säubern.

Ja, wie ich schon sagte: Die Welt hatte ich im Griff. Meine Mutter nicht! Ich konnte ihr einfach nicht klar machen, dass mein Superheldenkostüm noch keine Reinigung notwendig hatte. Ja ,schlimmer noch, ich konnte ihr nicht klar machen, dass es meinen Ruf total schädigen würde, wenn ich in sauber gestärkten und gebügelten Klamotten den fiesen Schurken dieser Welt und dem ganzen Unrecht dieser Welt (den Lehrern, ihren Noten, den Typen aus den anderen Klassen, und der restlichen Erwachsenengang) gegenüber treten würde. Ich konnte ihr nicht klar machen, dass sogar ein Teil meiner Superkraft, nämlich die unglaubliche supercoole »Coolness«, eng und symbiotisch mit meinem Superheldenoutfit verbunden war. Ich sagte ihr, sie würde mich quasi schutzlos machen.

Es half alles nichts. Meine Mutter verstand mich einfach nicht. Sie konnte die unglaubliche Verantwortung und den schmalen Grat, auf dem man als Superheld wandelt, einfach nicht erkennen. Kurz fragte ich mich, ob mein Kollege Spiderman, den ich bis dahin leider noch nicht persönlich kennengelernt hatte, ähnliche Probleme gehabt hatte. Die Klärung dieser Frage musste ich allerdings auf später verschieben, denn ich hatte jetzt keine Zeit, in meinem riesigen Superhelden-Comic-Archiv zu recherchieren. Gefahr war im Verzug, denn meine Mutter drohte damit, meine Klamotten nachts aus meinem Zimmer zu holen, wenn ich jetzt nicht kooperieren würde. Sie nannte das Kompromiss.

Kompromiss! Das war das falsche Wort zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Der Kompromiss war mein Gegner. Ihn verfolgte und bekämpfte ich, wo es nur ging. Kompromiss war das Gift, dass die Erwachsenen vergiftet hatte. Alle Erwachsenen waren damit vergiftet. Jedenfalls fast alle. Ok. Es gab Ausnahmen. Led Zeppelin, Jimi Hendrix und Bob Dylan. Das war’s aber auch schon. Jedenfalls machte mir dieses Unwort klar, dass ich jetzt bis zum Äußersten gehen musste.

Das war also jetzt der Zeitpunkt, an dem ich zum ersten Mal gegen meine Mutter eine meiner Superkräfte einsetzen würde. Sie ließ mir keine andere Wahl, und ich tat es: Ich senkte meine Augenbrauen, spannte meine Unterkiefer an, und schoss aus meinen Augen einen gebündelten Strahl Supertrotz. Dazu sprach ich die Worte der Macht: »Wenn Du das tust, dann gehe ich und komme nicht wieder.« Danach drehte ich mich um, und ging.

Ich ging, nachdem ich diese ultimative Kraft angewendet hatte, und auch, weil ich eigentlich nicht sehen konnte, und wollte, wie meine Mutter, getroffen von meinem Supertrotz, seelisch verwundet auf den Wäschestapel neben der Waschmaschine sank. Ich wusste ja, was mein Supertrotz anrichten konnte. Mit dieser Fähigkeit hatte ich ja schon damals meine Kindergärtnerinnen völlig fertig gemacht. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass ich damals meine Kräfte noch gar nicht kontrollieren konnte.

Ein schlechtes Gewissen hatte ich aber nicht …

Doch! Ich hatte eins. An diesem Tag hielt ich mich von allen Katastrophen dieser Welt fern. Sollte die Welt doch sehen, wie sie einem Tag ohne ihren Superhelden zurecht kam. Sprich, ich schwänzte die Schule. Ich hatte mit mir zu tun. Der Abend zu Hause verlief dann in eisigem Schweigen und ich schlief, während ich mein Comic-Archiv nach Präzedenzfällen durchwühlte, sehr früh ein.

Am nächsten Morgen folgte dann nach dem Erwachen sofort der kontrollierende Blick auf mein Superheldenkostüm, und im gleichen Moment erfassten meine Superaugen den Tatbestand: Sie hatte es getan! Meine Klamotten lagen frisch gewaschen, getrocknet und gebügelt auf meinem Sessel. Mich durchfuhr der unglaublichste, abgrundtiefste, mächtigste, blindmachende Superzorn, den es je auf dieser Welt gegeben hatte. Ich wollte aus dem Zimmer stürmen, hielt dann aber kurz inne, denn ich wollte die Beweisstücke mitnehmen, damit ich sie meiner Mutter vor die Füsse werfen konnte. Beim Umdrehen erkannte ich dann erst den Zettel, der auf meinem Superheldenkostüm lag.

»Mein lieber Superheld,
Deine Klamotten sind jetzt gewaschen. Bevor Du jetzt aber aus dem Zimmer stürmst, will ich Dir sagen, dass Deine Klamotten derart löchrig und fadenscheinig sind, dass sie, gewaschen oder nicht, innerhalb der nächsten zwei Monate sowieso auseinanderfallen. Ich biete Dir als Friedensangebot an, morgen mit Dir in die Stadt zu fahren und geeignete, von Dir genehmigte Ersatzkleidung, zu kaufen.

Solltest Du jetzt immer noch aus Deinem Zimmer stürmen wollen, lass DIr vorher gesagt sein, dass mein Angebot trotzdem besteht, und Du Deinen Trotz von mir hast.

In Liebe
Mama«

Von heute aus betrachtet, muss ich sagen, dass die Zeit danach mit der ultracoolen »Levis 501« und dem Sweat-Shirt mit »Led-Zeppelin«-Aufdruck, der erfolgreichste meiner bis dahin jungen Superheldenkarriere war – auch mädchentechnisch betrachtet. Ihr wisst, was ich meine.

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