Bio-Argumente


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Die Biokraftstoffindustrie bei Twitter

Na, da schau her. Da hat man manchmal doch den Finger im richtigen Loch. Es gab mehrfach Reaktionen auf meinen Artikel vom 27.August »Biosprit macht hungrig« in jo$ kaos-i-lator. Allerdings nur einen wirklich öffentlichen: Der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie e.V. hat via Twitter (siehe oben) mit seiner Pressemitteilung geantwortet. Die Bio-Fraktion reagiert empfindlich, wenn man an den polierten Gutmenschen-Dogmen mal rüttelt. Woher kennt man das nur? :-> 😉

Im Tweet wird auf eine Presse-Erklärung des Verbands verwiesen, auf der man einführend lesen kann:

Biokraftstoffe sind nicht der Grund für steigende Lebensmittelpreise. Energiepflanzen werden nur auf rund 1,5 Prozent der Weltagrarflächen angebaut, so dass ihr Einfluss auf die Rohstoffmärkte nur sehr gering ist. Zudem liegt der Anteil von Getreide an den Brotkosten bei lediglich 4,4 Prozent. Steigende Getreidepreise haben also nur einen sehr geringen Einfluss auf den Endpreis für den Verbraucher. „Die Lebensmittelindustrie versucht, den Biokraftstoffen ihre eigenen Preiserhöhungen in die Schuhe zu schieben. (Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie e.V. – Presse – Pressemitteilungen)

Ich empfehle, wie immer (und das nicht nur pro forma, sondern um vernünftige Argumentationsgrundlagen zu haben), die Lektüre des kompletten Artikels, denn dies ist ein streitbares und wichtiges Thema bei dem natürlich alle Stimmen zu Wort kommen sollen.

Zur Sache: Das ist clever geschrieben. Nur: Ob die hiesige Lebensmittelindustrie der Bio-Kraftstoff-Liga die Schuld an Preissteigerungen gibt, interessiert mich nicht die Bohne. Allgemein steigende Lebensmittelpreise in Deutschland oder Europa sind nicht der springende Punkt bei dieser Sache. Es geht um die Tatsache, dass man mit Ernährungsrohstoffen und Anbauflächen weltweit an Börsen spekulieren kann. Weizen ist ein weltweites Spekulationsobjekt. Er steigt im Preis, wenn neue Absatzmärkte auftauchen und/oder Verknapungen am Horizont ruchbar werden. So einfach ist das. 

Wer das detaillierter überprüfen will, der schaue hier rein: World Food Situation. Wer aktuelle Fakten braucht, der schaue hin. Es gibt sie nämlich:

Seit dem Frühjahr 2010 ist die Weizenpreisentwicklung bereits am klettern. So erhöhte sich der Tonnenpreis von 115,75 Euro auf 240,00 Euro zwischen dem 9. März 2010 und dem 6. Mai 2011. Damit konnte sich der Weizenpreis mehr als verdoppeln in den letzten 15 Monaten und erfuhr eine Wertsteigerung in Höhe von +107,34 Prozent. (aus: Weizen Preisentwicklung bei 240 €/Tonne: Dürren erhöhen Weizenpreis)

Da steht nichts anderes in nackten Zahlen zu lesen, als was der Schweizer Soziologe Jean Ziegler sehr viel deutlicher auf den Punkt gebracht hat:

Sie wollen die Kausalzusammenhänge der kannibalischen Weltordnung verstehen. Sie wollen wissen, weshalb jetzt Zehntausende in Ostafrika an Hunger sterben. Die Presse spricht von einer Klimakatastrophe. Die seit fünf Jahren anhaltende Dürre ist bloss eine von vielen Ursachen. Aber weshalb haben Äthiopien, Dschibuti, Eritrea und Kenia keine Nahrungsmittelreserven? Weil Spekulanten in den letzten Jahren die Agrarpreise in die Höhe getrieben haben. Diese armen Staaten können sich das Getreide nicht mehr leisten. (aus: «Und das Gras wächst»: Die Weltwirtschaft kommt nicht aus der Krise, auf der ganzen Welt gehen Menschen auf die Strasse. Wie sieht der 77-jährige Soziologe und Uno-Beauftragte Jean Ziegler die Lage? (WOZ, Thema))

Diese Situation gibt es nicht erst seit E10. Das ist richtig. Es ist aber auch kein Argument für E10 – nach dem Motto: »Es ist ja eh kacke auf der Welt.« 

Auf der anderen Seite stehen wir, steht Europa. Österreich wird beispielsweise demnächst Weizen importieren müssen: Getreide: Österreich auf Zukäufe angewiesen « DiePresse.com.

Der Bedarf im Inland werde zunehmen, unter anderem wegen der industriellen Stärkeverarbeitung und der Produktion von Bioethanol. 
(Getreide: Österreich auf Zukäufe angewiesen « DiePresse.com)

Wir haben kein Problem: Österreich kann Weizen importieren. Sicherlich. 

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wir leben hier auf Kosten anderer. Der Öko-Fuzzie und die McDonalds-Dumpfbacke – und wir alle changieren zwischen diesen Polen – verbrauchen mehr Ressourcen, als der Planet hergibt, wenn alle Menschen auf dieser Erde so leben sollen, wie wir.

Würde die gesamte Menschheit so leben, wie wir EuropäerInnen, bräuchten wir zwei ein halb Planeten von der Qualität der Erde. Bezogen auf die USA sind es sogar über fünf Planeten. Da wir den ärmeren Ländern nicht absprechen können, ihren Wohlstand ebenfalls zu erhöhen, ist die drastische Reduktion unseres Ressourcenverbrauchs gefordert.
(aus: Globaler Fussabdruck)

Die simple Formel »Mit ‚Bio‘ kannst Du die Welt retten.«, funktioniert deshalb leider so simpel in diesem Kapitalismus nicht. Man erkennt das daran, wie sich Interessengruppen (siehe oben) dieses Credo zu Nutze machen. Das ist, wie Hydroxi so schön anmerkte, allzuoft nur ein Ablasshandel, mehr nicht. Dazu vielleicht ein paar Worte von Greenpeace-Sprecherin Gesche Jürgens:

„Allein Biodiesel löst das Problem nicht. Wir müssen das Auto lieber stehen lassen. Wir müssen Verkehr vermeiden, mehr auf die Schiene bringen und so weiter. Also, es reicht nicht, einfach zu sagen, ich tanke jetzt Biodiesel und damit ist die Welt gerettet.“ (Mogelpackung Biosprit – Wie nachhaltig ist importierter Biodiesel? | Umwelt und Verbraucher | Deutschlandfunk

Das ist der Punkt! Es geht zunächst um die Reduktion des Ressourcenverbrauchs im Kleinen, wie im Großen – ob Bio oder nicht, spielt dabei erstmal überhaupt keine Geige – und dann geht es um eine Änderung wirtschaftlicher Regeln im Welthandel. Das schafft Lebensqualität für alle.

In diesem Sinne, komme mir bitte keiner mit einer »ökologisch korrekten« Lebensweise, die vermeintlich die Welt heilt. Die gibt es bisher schlicht nicht. Wir müssen für eine »global-humane korrekte« Lebensweise streiten. Will darüber hinaus der Europäer mit »Bio« sein Leben verlängern – von mir aus.

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