Der Friseurbot 2


Friseurbot „Wella

Friseurbot „Wella

Neulich beim Friseur. Wartezeit. Langeweile. Neben mir sehe ich – und ich möchte betonen, zum ersten Mal im Leben – einen Friseurbot. Ich hatte bisher keinen Kontakt zu Friseurbots und war daher doch einigermaßen erstaunt, als er mich ansprach. Was soll ich sagen, wir kamen ins Gespräch. Ich fragte ihn, ob er denn öfter mit seinen Kunden sprechen würde. Er verneinte dies. Ich fand das eher nicht beruhigend, doch bevor ich ihn nach dem Grund, warum er denn ausgerechnet mich jetzt ansprach, fragen konnte, schoß es aus ihm heraus:
„Jeder glaubt, ich würde nur heiße Luft produzieren“, sagt er vehement. „Irgendwie muss man doch durch kommen. Ich wäre ja auch lieber Friteuse geworden. Sie wissen schon, so ein richtig heißes Teil.“ Ich glotze ihn verständnislos an. Er lacht. Zumindest deute ich die kurzen ruckartigen Bewegungen, die seine beiden Dschingderassabumarme machen, so. „Nur ein Scherz“, sagt er. „Was machen sie so? — Musik? Ah ja, Musik. Frequenzen. Spannung. Ich liebe Musik. Ich singe gerne. Ich sage ihnen, bei zweitausend Watt für die Fönwelle habe ich schon Arien geschmettert… zum Sterben. Nur – hört mir irgendwer zu? Nein! Im Gegenteil, wenn ich zu laut werde und nicht mehr gleichmäßig rausche, mustern sie mich aus. So sieht's aus.“
Ich nicke verständnisvoll. Frage ihn nach seinem Lieblingssong. Habe etwas Angst vor der Antwort, denn 'Tausend nackte Friseusen' schießt mir unvermittelt durch's Hirn. Erschrecke mich gleich noch mal vor mir selber, dass mir so etwas überhaupt einfällt. Doch der Friseurbot fährt fort:
„Ich hab als junger Fön davon geträumt in einer Hardrockband die Leitungen zum Schmelzen zu bringen. Wissen sie, ich bin in den Achtzigern groß geworden und da hatte man zwangsläufig viel mit der Hard- und Heavy-Szene zu tun. Die hatten doch alle diese Fönwellen. Dem konnte man ja gar nicht entgehen. Aber ja, sie wissen ja, den Sprung in die großen Garderoben dieser Welt schafften nur die wenigsten von uns.“
Ich nicke wieder, langsam und bedächtig.
„Tja, und jetzt bin ich hier gelandet und die Träume sind ausgeträumt. Ich sehe in letzter Zeit alles grau in grau“, sagt er, und ich blicke verstohlen zu der netten älteren Dame, die gerade unter dem Kollegen des Friseurbot sitzt. Sie hat nichts gehört.
„Was wollten sie wissen? Ah ja, meinen Lieblingssong. Mein Lieblingssong ist schon seit einiger Zeit „Somewhere over the Rainbow“. Hach, ich liebe diesen Song. Könnten Sie ihn vielleicht mal für mich summen? Sie sind doch Musiker?“
Ich blicke mich verstohlen um. Außer der alten Dame unter der anderen Haube ist gerade niemand im Raum. Also summe ich.
Die Lichter des Friseurbot fangen langsam zu glimmen an und ich bemerke ein leises aber vernehmbares Rauschen. Was soll ich sagen: der Bot und ich summen „Somewhere over the rainbow“ und ich bin in diesem Moment froh und dankbar, dass er nicht „Highway to hell“ als Lieblingslied genannt hatte. Kurz vor der emotional herausfordernden Bridge kommt jedoch meine mir zugewiesene Friseuse an meinem Stuhl und fragt: „Na, was soll denn alles ab?“ Ich gebe zu, dass ich in diesem Moment kurz Gewaltphantasien entwickelt habe.
Der Friseurbot stand wieder stumm in der Ecke und ich war mir schon einen Moment später nicht mehr sicher, ob ich nicht halluziniert habe. Die nette Dame vom Friseurhandwerk vollbringt dann doch entgegen jeder Erwartung schnell und gut ihr Schnittwerk am meinem Haupthaar, während sie mir von der bevorstehenden Karnevalssession erzählt, bei der sie mit ihrer Tanzgruppe in zartpinken Träumen aus wasweißichwas den Titanicsong tanzen werden.
Ich schaue immer wieder den Friseurbot an und nachdem ich fertig bin, stehe ich auf, wende mich kurz zu ihm hin und wispere:

„Someday I'll wish upon a starAnd wake up where the clouds are far behind meWhere troubles melt like lemon dropsAway above the chimney topsThat's where you'll find me“

Die Friseuse, die schon auf dem Weg zur Theke war, dreht sich um und fragt: „Wie meinen Sie?“ Ich drehe mich schnell um und sage: „Oh nix, mir ging nur gerade die Titanicmelodie durch den Kopf, ein echter Ohrwurm.“ Sie grinst wissend und sagt: „Sag ich doch. Das wird ein Hammer.“ Ich lächele und gehe. Ich glaubte, ein Summen zu hören, bin aber nicht sicher.

Fragt jetzt nicht, ob ich an den Tagen danach unserem Fön im Bad ein Lied vorgesummt habe, nachdem ich ihn gefragt habe, wie es ihm geht. Fragt einfach nicht.

 


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