Fleischbewusstsein – Datenbewusstsein

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(Sony World Photography Awards 2010 © Tommaso Ausili)

Tommaso Ausili hat Fotos gemacht, die beeindrucken. Die Fotoserie “The hidden death”, mit der er sogar einen Preis errang, zeigt schlicht und simpel den Alltag in einem umbrischen Schlachthof. Ort und Land sind, so denke ich mir, austauschbar. Die gleichen Motive hätte ein Fotograf in Deutschland wohl ebenso gefunden. Es geht hier nicht um Gammelfleisch oder andere Mißstände. Nein. Gezeigt wird unspektakulärer Alltag. Paradoxerweise sind diese Bilder absolute Hingucker von einer Sache, die wir nicht sehen wollen. Diese Bilder sind ausserdem tatsächlich extrem gut komponierte Werke, weil sie eine Geschichte erzählen und Assoziationen in Gang bringen.
 
Als ich diese Bilder gesehen habe – und je länger ich sie betrachtete, und darüber nachdachte – verbanden sich dabei ungewollt zwei Themenkomplexe in meinen Gedanken: Das Fleisch- und das Datenbewusstsein. Ausilis Blick auf die Fleischindustrie und meine Assoziation zur Datenindustrie. Was ich mit diesen Begriffen meine, versuche ich zu erklären. 
 
Die Frage steht also im Raum: Was haben die Bilder von einem Schlachthof in Umbrien mit der aktuellen Debatte um Daten, unser Online-Dasein in Social-Communitys und das Informationszeitalter zu tun?

Auf den ersten Blick wenig, bis gar nichts. Doch ich warne den Leser dieses Artikels vorweg: Ich mute einige unausgegorene Gedankensprünge und nicht fertig formuliertes Begriffsterrain zu. Doch wie sagte Herr Hydroxi heute Morgen so treffend: ‚Ich spreche “Open-Source”.‘ Was in diesem Falle nicht mehr und nicht weniger bedeutet als: Weiterdenken und anderer Meinung sein ist nicht verboten, sondern entwickelt die Gedanken weiter, so sie es wert sind.

Zurück zum Fleischbewusstsein: Du bist, was Du isst. Die Bilder von Tommaso Ausili verstören, denn sie zeigen, was wir nicht sehen wollen. Sie fokussieren unseren Blick auf die Kreatur, die wir doch eigentlich in unserem täglichen Leben völlig ausgeblendet wissen. Wissen? Nein. Vergessen. Wir mühen uns den Produktionsprozess zu vergessen.  Wir konsumieren, aber wir konsumieren abstrakt. Wir konsumieren kein Schwein. Wir konsumieren „Filet“. In kleinen geometrischen Formen dargeboten. Wir konsumieren nur Teile. Verzehrfertige, assoziationsdämpfende Teile. 

Die Bilder von Ausili zeigen etwas anderes. Sie zeigen Augen, Gesichter und den Moment des Todes. Sie verpassen uns einen Assoziationsschub. Es geht um das Hinsehen. Mit den Mitteln der Fotokunst fokussiert er unseren Blick auf die faktische Wahrheit.

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(Sony World Photography Awards 2010 © Tommaso Ausili)

Die Tiere, die auf diesen Bildern zu sehen sind, sind tot. Verarbeitet und schon verzehrt. Verzehrt von Menschen, die sich nach dem Verzehr vielleicht über den Frieden in der Welt, über eine ökologisch sinnvolle Gestaltung der Zukunft und möglicherweise über die Ausgestaltung unserer digitalen Welt mit einer Neudefinition von Privatsphäre und sozialen Netzen unterhalten. Verzehrt also, möglicherweise von Menschen, die durchaus interessiert am Lauf der Dinge sind, und vielleicht sogar kompetent in ihren Themen denken und reden. Menschen, die ansonsten sogar vielleicht Maß halten in der Nutzung von Ressourcen.

Dies ist kein moralinsaurer “werdet Vegetarier”-Text! In der Evolution wurde “Fressen und Gefresen werden” als Konzept für tauglich befunden und die Natur wendet dieses Konzept flächendeckend an. Sie etablierte eine Nahrungskette und der Mensch steht an ihrer Spitze. Das sind Fakten. Man kann beschließen nichts zu essen, was ein Gesicht hat, man muss es aber nicht. Dogmen von Gutmenschen sind genauso dämlich wie alle anderen Dogmen dieser Welt.

Es geht mir um etwas anderes. Es geht mir um das Wie. Es geht um die Industriealisierung der Fleischindustrie, die in den Bildern von Ausili so derart perfekt entmenschlicht daherkommt, und so perfekt produziert. Die Menschen in Ausilis Bildern haben keine Gesichter. Die Tiere haben Gesichter. Ausilis Bilder stechen in eine unglaublich präzise arbeitende Maschinerie hinein und extrahieren Individualität, und zeigen in diesem Moment ein Ganzes, oder eben einen Teil von etwas, dass einmal ein Ganzes war. Eine Individualität, die wir nicht erwarten, und die wir nicht sehen wollen. Wir wollen nicht sehen, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist.

Die Industrie, die Ausili hier zeigt arbeitet effizient, weil sie diese Individualität nicht zulässt. Sie arbeitet mit Produkten. Aus einem Eingangsprodukt, einem Werkstoff, wird ein Ausgangsprodukt geschaffen. Sie schafft dabei durch Effizienz Überfluss und immer neuen Bedarf. Wer will und kann, kann reichlich konsumieren. Viele unserer Industrien arbeiten effizient, und wir konsumieren und nutzen reichlich. Wir kennen keinen Mangel, und wir schaffen Systeme, die uns perfekt nur die Teile sehen lassen, die wir sehen wollen.

Man kann die Bilder Ausilis betrachten, innehalten und nachdenken. Man stellt dabei vielleicht fest, dass wir keine festen Moralvorstellungen haben, von dem was wir da sehen. Es ist einfach, betroffen und entsetzt zu sein beim Betrachten der Kreatur. Es ist genauso einfach zu konstatieren, dass dies der menschlichen Natur entspricht. Nur eine Sache liegt überdeutlich klar vor uns: 

Es geht hier schon lange nicht mehr um Hunger! Es geht nicht um die reine Sicherstellung eines grundlegenden Bedürfnisses. Es geht um ein System, welches sich selbst perfektioniert und Überfluss bedient und produziert.

Und hier findet jetzt der Sprung zu dem scheinbar völlig anderen Thema statt, in dem ich behaupte, dass wir, wenn wir die Schlachthofanalogie nutzen, genau umgekehrt(!) mit unseren Daten agieren: Wir reden jetzt über “Datenbewusstsein”.

Ich weiss nicht, ob es letzteren Begriff schon gibt. Falls nicht, so beanspruche ich mal das “Urheberrecht” daran und erkläre seinen (meinen) Inhalt: Es ist für meine Begriffe das Bewusstsein, was “Daten” in dieser vernetzten Welt überhaupt sind, und wie sie jeden von uns beschreiben, ergänzen, uns vielleicht sogar abhängig machen, und(!) wie sie eventuell unsere Einzigartigkeit beeinflussen, in dem sie uns in einer immer wichtiger werdenden digitalen schönen neuen Welt neu erschaffen. Was bedeutet es, dass wir auch in einer globalen Vernetzung “Daten” sind. Ich behaupte, dass auch hier das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, oder daraus erst entsteht. 

Das aber ist der Knackpunkt. Du bist, was Du produzierst. Wir produzieren in den Schlachthöfen der sozialen Netzwerke Datenhappen, die von den Giganten wie beispielsweise Facebook, ein industriell arbeitendes Informationsunternehmen, weiterverarbeitet und zusammengesetzt werden. Es geht schon lange nicht mehr nur um die Befriedigung grundlegender Informationsbedürfnisse. Es geht nicht nur um das Ziel des gebildeten Bürgers, um den Zugang zu grundlegender Information, wie z.B. damals noch bei Luthers Bibelübersetzung. Es geht nicht um den Austausch von Wissen. Die Industrie bietet industrielle Zuchtställe, in denen User Information und Daten produzieren. Sie  erschafft aus diesen Daten bleibende neue und für sie verwertbare Konstrukte, und schafft gleichzeitig das Bedürfnis nach mehr davon. 

Dies ist kein moralinsaurer “Meidet-das-Netz-und-schützt-Eure-Daten!”-Text! Das Netz bietet uns neue Möglichkeiten des Lernens und der Erkenntnisgewinnung. Das ist keine Frage. 

Doch sobald industriell gefertigt und verwertet wird, geraten Dinge offensichtlich allzuoft aus unserem Blick und werden nur noch von Wirtschaftlichkeiten gesteuert. Wir konsumieren vielleicht zuviel Fleisch und produzieren damit Entwicklungen auf vielen Ebenen, die unseren Nachkommen schaden, und wir produzieren vielleicht zu viele unnütze Daten, die Konsum einfordern, aber in Wahrheit minderwertig sind. Die Datenindustrie wird sie wohl einfach solange würzen, bis sie, egal welche Grundsubstanz vorhanden ist, trotzdem irgendwie schmecken. Es geht dann schon lange nicht mehr um Hunger! Es geht nicht um die reine Sicherstellung eines grundlegenden Bedürfnisses. Die Datenindustrie wird produzieren, solange es eine Nachfrage gibt. Es geht um ein System, welches sich selbst perfektioniert und Überfluss bedient und produziert.

Wir haben kein Fleischbewusstsein mehr, und wir haben vielleicht noch kein Datenbewusstsein. So wie wir vielleicht unser Fleischbewusstsein reformieren sollten, müssen wir vielleicht auch ein Datenbewusstsein einnehmen, um unserem digitalen Sein einen entsprechenden ethischen Unterbau zu verleihen. Durch “sich-bewusst-sein” reduzieren, und durch Reduktion in Wahrheit Qualität gewinnen? Eigentlich eine alte einfache Erkenntnis.

6 Gedanken zu “Fleischbewusstsein – Datenbewusstsein”

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