Frontberichte vom Leben – 15.12.11



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Heute, 15.12.11: Mir geht es schlecht. So fühlt man sich also als ausgestorbene Art. Ich habe einen bitteren Geschmack im Mund, und der stammt sicher nicht nur vom gestrigen traditionellen Adventsbiersaufen mit verwahrlosten Musikerkollegen, inklusive anschließender Einlieferungszeremonie bei der Bahnhofsmission, unter lautstarkem Aufzählen und Beweinen früh verstorbener Rocklegenden. Nein, dieser bittere Beigeschmack ist ganz klar auf dieses eine epochale Ereignis zurückzuführen: Meine Art existiert ab heute nicht mehr. Es gibt keine Zivildienstleistenden mehr – es wird sie nie mehr geben.

Ihr wolltet uns nicht mehr. Mit dem heutigen Tag sind wir ausgerottet. Wir schafften es nicht mal auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Keiner demonstrierte für uns bis zur letzten Minute vorm Reichstagsgebäude. Keiner erinnerte heute vorm Kanzleramt an uns. Nicht mal das berühmte Rollenspiel »Du bist mit Deiner Freundin im Wald, plötzlich kommen drei wilde Russen auf Euch zu, und wollen dich deine Freundin vergewaltigen. Benutzt du deine Kalaschnikov – ja oder nein?«*, wurde vor irgendwelchen Altenheimen aufgeführt. Nichts.

Der Zivi – eine ganze Art ausgerottet, samt der wunderbaren Vielfalt ihrer Unterarten: der Urinkellner, der Rollischubser, die Breispritze, Doktor Geschmacklos auf Rädern, die Zivilette, Hausmeister light und der Windelmuli – alle weg. Es wird keinen unserer Art mehr geben. Einst wanderten zigzehntausende unserer Art durch die weiten Ebenen und Flure von bundesdeutschen Krankenhäusern und Altenheimen. Millionen Liter von Urin wurden durch uns in die richtigen Kanäle geleitet und Abermillionen Rollikilometer wurden von uns friedlichen Dienstleistern auf dem Weg ins Café X und Park Y zusammengeschoben.

Jetzt ist er nicht mehr, der Zivi. Ausgestorben, wie die Dinosaurier. Ausgestorben und vom gleichen Schicksal bedroht, wie die Dinosaurier. Man lässt seine Überreste nämlich nicht friedlich ruhen. Man will ihn klonen. Ich sage nur: Zivirassic Park! Man erschafft den »Bufi«, den Bundesfreiwilligendienstleistenden, indem man in den Urinsteinablagerungen auf Mitarbeitertoiletten das unvollständige Genmaterial des Kriegsdienstverweigerers isoliert und dann die fehlenden Sequenzen mit »Keine-Ahnung-was-ich-treiben-soll«-Genen auffüllt. Wie diese Geschichten ausgehen, wissen wir. Wahrscheinlich werden diese Klone Infusionen aus Urinflaschen legen und komplette »Essen-auf-Rädern«-Lieferungen vorm örtlichen McDonalds abkippen.

Ich gehe jetzt in den Keller und suche die alte Urinflasche, die ich damals aus sentimentalen Gründen mitgenommen habe. Da passt locker eine Flache Wodka rein. It’s desinfection, baby! Wenn schon keiner um meine Art weint, dann wenigstens ich.

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* = Ja, »Gruppensex« war eine der möglichen Antworten, aber doch nicht die taktisch sinnvollste.

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