Glaubt dem Zweifel 2


Ein kleiner Artikel bei hydroxi.de beschäftigt mich schon das ganze Wochenende: Hydroxi.de » Blog Archive » Und das ist nicht echt?!.

Ich kannte das dort vorgestellte Video schon, sah es mir aber doch noch einmal vollständig an, denn mir will und wollte sich die Macht und die Faszination des maschinell erzeugten Realismus nicht recht erschließen. Und die Frage, die Hydroxi stellte: „Und das ist nicht echt?“, beschäftigte mich sehr. Ich fragte und frage mich, warum das so ist, denn eigentlich könnte man es bei der Bewunderung für die Möglichkeiten der heutigen digitalen Technik und/oder der Furcht vor der Anfälligkeit der menschlichen Sinne für „täuschend Echtes“ belassen. Jetzt etliche Stunden, und einige Weine später weiss ich, warum: weil der Mensch die Fähigkeit zur Simplifizierung und zur Abstraktion beherrscht.

Zwei Gedanken dazu:

Ich hatte gestern Abend das grosse Vergnügen einen Film von 1976 noch einmal zu sehen, den ich vor etlichen Jahren schon einmal gesehen habe: “Das Brot des Bäckers” mit Günther Lamprecht. Ein sagenhaft gutes Zeitportrait der Siebziger Jahre. Im Film geht es um eine Bäckerei, um die Menschen darin, um Schicksale, um Industrialisierung, um die Ersetzung des Menschen durch Maschinen, um das Leben, und um das Leben, dass aus so einem simplen Ding wie einem Brot weicht, wenn der Mensch nicht mehr mit seinen Händen arbeitet. Maschinen produzieren das gleiche Produkt wie der Mensch, und trotzdem kommt eigentlich nicht dasselbe Produkt dabei heraus. Eigentlich sogar nur mehr eine plastikverpackte, gummiweiche Karikatur desselben.

Das legt den Gedanken nahe, dass der Prozess der Entstehung von Brot, Kunst und Realität schon ein Wert an sich für uns hat. Nicht nur das Endprodukt zählt, sondern schon seine Entstehung definiert sein späteres Wesen.

Zweiter Gedanke: Pablo Picasso konnte schon frühzeitig mit der Präzision eines Fotoapparates malen und verbrachte dann sein Leben damit, wieder malen zu lernen wie ein Kind. Er abstrahierte und simplifizierte, und schuf dabei – und wahrscheinlich deshalb – die bedeutendsten Werke der jüngeren Kunstgeschichte.

Oben sieht man, wie Picasso gearbeitet hat und man erkennt, dass nicht nur das fertige Bild hier die Kunst Picassos ist, sondern schon im Werden viele Bilder entstehen, viele Abstraktionen und Assoziationen stattfinden. Man denkt, man hätte das Wesen der Darstellung gerade erfasst, schon schickt Picasso uns auf eine neue Spur, eine neue Sichtweise. Eine ständig sich verändernde Realität. Was für ein Glück, dass es das Medium Film schon gab, welches uns hier den Realismus des Zaubers liefern kann. 😉

Ich beneide die Männer, die damals im Studio dabei waren, als diese Aufnahmen entstanden sind. Das muss wie Musik gewesen sein. Wie eine unglaubliche Jazzimprovisation.

Könnte man heute diesen Filmschnipsel digital rekonstruieren, so dass wir den Unterschied zum „Original“ nicht mehr erkennen? Ja. Sicher. Ebenso, wie man schon immer per Hand ein Bild fälschen konnte, wenn man es denn kann. Man kopiert Technik, Material und den Stil des Malers. Im übrigen liefert die gleiche Technik, die heute das manipulieren digitaler Kopien von irgendetwas zu manipulierten Kopien von irgendetwas machen kann, auch gleich die Möglichkeiten dies zu enttarnen.

Was ändert also der Hyperrealismus der in der digitalen Ära offensichtlich möglich wird? Sicher, man kann unsere Sinne täuschen, uns in eine Matrix packen, die wir für echt halten. Die Frage jedoch ist: Stecken wir nicht schon in einer? Werden unsere Sinne nicht ständig getäuscht? Unsere Augen funktionieren wissenschaftlich betrachtet zweidimensional, trotzdem erfassen wir unsere Welt dreidimensional. Unser Hirn täuscht uns also in jeder Sekunde unseres Lebens perfekt. Weitere Beispiele dafür sind endlos, und reichen bis zu simpelsten Beobachtungen von “Realitäten” von Philosophen im Altertum zurück. Leben wir deshalb nicht schon seit ewigen Zeiten mit dem radikalen Zweifel an allem?

„Er täusche mich, soviel er kann, niemals wird er doch fertigbringen, daß ich nichts bin, daß ich etwas sei. Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schließlich zu der Feststellung, daß dieser Satz: ‚Ich bin, ich existiere’, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist.“ 

Vollständigen Artikel auf Suite101.de lesen: Der radikale Zweifel René Descartes: Die Grundlagen der Meditationes de prima philosophia

Der grundlegende Zweifel im Menschen, der sich in seinem kritischen Denken und seiner Kunst immer wieder Gehör verschafft, ist die Realität, an der jeder, wie auch immer geschaffene Realismus sich abarbeiten muss. Was ist dann das gedankliche Werden in uns selbst, beim Erleben unserer “Realitäten”? Ist das die Unschärferelation des Seins: Ich denke, also verändere ich Realität?

Das glaube ich schon. Lassen wir unsere Wirklichkeit einfach zu Zeiten kritisch, kindlich und abstrakt sein, auch wenn’s den Nachbarn und die Manipulatoren nervt. 😉


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