Ilya – Diaspora – Leben – mehr als Bits

Am späten Sonntagabend überraschte eine Meldung in der Diaspora*, die sich um einen der Mitbegründer von Diaspora* drehte: Ilya Zhitomirskiy ist offensichtlich an diesem Wochenende im Alter von 22 Jahren verstorben. Die genauen Umstände seines Todes sind mir – bisher jedenfalls – nicht bekannt.

Die Trauer innerhalb von Diaspora* äußerte sich in unglaublichen vielen Beileidsbekundungen, denn natürlich ist der Tod eines so jungen Menschen, der garantiert bis zur Hutkrempe voller Pläne steckte, äußerst tragisch. Gerade auch in diesem Augenblick, in dem Diaspora* wieder vermehrt öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, weil man Ende November mit dem Netzwerk in die beta-Phase wechseln will: In den Startlöchern: Das Anti-Facebook – Medien – Tagesspiegel.

Wobei ich die Titelzeile des Artikels mit dem Wort »Anti-Facebook« reichlich dämlich finde, denn das erweckt den Eindruck einer Attacke auf Facebook. Der Begriff suggeriert eine Aggressivität und eine Fixierung der Diaspora*-Gründer, die so nicht vorhanden ist. Natürlich spielte beim Entwurf von Diaspora* Facebook als Erfahrung eine entscheidende Rolle, denn man wollte im Bereich der Datenhoheit und bei der physikalischen Struktur des Netzwerks andere, demokratischere Wege gehen als Facebook. Auf den Nutzer bezogen will Diaspora* aber die gleichen sozialen Bedürfnisse befriedigen, wie alle anderen Netzwerke auch.

Deshalb, und auch aus Gründen schierer Größe, ist es – realistisch gesehen – völliger Quatsch Diaspora* in irgendeiner Form als direkten Konkurrenten zu Facebook aufzustellen. In der Diaspora* tummeln sich momentan optimistisch geschätzt, knapp unter 200000 Mitglieder, während G+ die 50 Mio. überschritten hat und Facebook bei 800 Mio. Mitgliedern steht. Diaspora* ist eine Alternative zu diesen Giganten, sicherlich, aber bisher nur für wenige, wohl überwiegend technisch interessierte Menschen.

Diaspora* geht trotzdem mit Idee eines dezentral organisierten Netzwerks, in dem die User die Herren ihrer Daten bleiben, und als demokratische Alternative zu den Riesennetzen amerikanischer Firmen wesentlich weiter, als alle übrigen Ansätze in diese Bereich. Dieser Ansatz ist derart grundlegend und gut, dass er auf keinen Fall in der »Nerd«-Ecke stecken bleiben darf. Auch aus diesem Grund ist die Ausschließlichkeit und die Einschränkung, die der Begriff »Anti« vermittelt, ist also völlig fehl am Platz.

Nach meiner Auffasung muss Diaspora* den Nutzern anderer Netzwerke als weitere einfache und gut funktionierende Möglichkeit schmackhaft gemacht werden, übersichtlich und durchschaubar sozialen Tratsch zu pflegen. Man müsste jetzt sehr ins Detail gehen, um das zu erläutern. Ich führe aber mal nur einige kleine Beispiele an: Markdown ist eine schöne und schlichte Möglichkeit zum Gestalten seiner Posts. Ich mag das. Aber für den Otto-Normal-Nutzer aus Facebook ist das nicht zumutbar. Eine Timeline, die sich nicht automatisch aktualisiert und Beiträge, die nicht editierbar sind, wird die Mehrzahl der FB-sozialisierten Menschen nie akzeptieren. Da muss noch einiges passieren. 

Zurück zum Artikel. Der ist ansonsten leidlich informativ, wenn auch in einem weiteren Punkt nicht sauber recherchiert, denn der im Artikel angesprochene Diaspora-Pressesprecher Yosem Companys, hat diese Funktion nicht mehr inne:

Wie jedes soziale Netzwerk ist der Austausch unter den Mitgliedern das Hauptanliegen von Diaspora – allerdings mit einigen entscheidenden Unterschieden zu Facebook oder Google+. „Hinter Diaspora steht die Idee eines privatsphärefreundlichen, quelloffenen sozialen Netzwerks“, begeistert sich Kraft. „Diaspora ist eine Non-Profit-Organisation, die sich allein über Spenden finanziert.“ Der gewerbliche Verkauf oder die Weitergabe von Nutzerdaten an Werbeindustrie und Regierungen widersprechen fundamental der Philosophie von Diaspora. „Jeder soll seine persönlichen Daten selber besitzen und verwalten können und ganz genau bestimmen, welche Inhalte er wem zugänglich macht.“ Das geht so weit, dass jeder, der dies möchte, seinen eigenen Server aufbauen kann, der dann ins Diaspora-Netzwerk aufgenommen wird.

Diaspora* geht also einer ungewissen, aber hoffungsvollen Zukunft entgegen, die aber einer ihrer Mitbegründer nicht mehr erleben wird. Es ist in solchen Momenten deutlich spürbar: Das Leben ist soviel mehr als Bits, Bytes, Monitore und Statusmeldungen. Ich allerdings nehme die Pusteblume, das Sinnbild der Diaspora*, in diesem Fall als Symbol dafür, dass hier ein Mensch zwar zu früh gegangen ist, aber schon in seinen jungen Jahren an einer wirklich großen Idee mitgearbeitet hat, die für Menschen rund um den Globus in Zukunft vielleicht wichtiger wird, als wir uns jetzt vorstellen. Ilya hat seinen Baum gepflanzt.


Alberto – Diaspora*

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