Konfliktminerale und Idioten


Ich habe schon darüber geschrieben und ich werde es wieder tun. Ich schreibe über unsere verdammte, direkte Mitschuld am Elend und am Tod von Menschen im Kongo. Menschen, die sterben, weil unsere Gier nach Technologie befriedigt, und die Möglichkeit zu „freier“ Fahrt auf unseren Telekommunikationsautobahnen erhalten werden muss.

Ich weiss, kein Mensch will so etwas lesen. Dieser Artikel wird schneller im digitalen Ausguss der vergessenen Pixel landen, als das Spülwasser in der Küche im Abfluss verschwindet. Egal, denn ich schreibe es für mich, damit ich nicht platze. Es muss mal wieder raus: 

Jeder Handybesitzer in diesem Land, mithin jeder, der dies liest, ist Schuld am Tod und am Elend von zigzehntausenden Menschen im Kongo, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Fertig. Jeder. Vom Öko-Fuzzie bis zum Cayenne-Fahrer – jeder von uns.

Kein schönes Thema. Das wird auch kein schöner Artikel. Keiner, der leicht verdaulich ist. Nicht, weil er kompliziert oder intelligent geschrieben wäre. Nein. Einfache Worte und der Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen einem aktuellen SpOn-Artikel und einem Film auf Arte genügen eigentlich. 

Der Artikel (1) (alle Links -> siehe unten) ist gestern bei Spiegel Online erschienen. Er beschäftigt sich mit Idioten. Na ja, nicht wirklich. Sagen wir, der Artikel kokettiert mit dem Begriff und den entsprechenden Assoziationen. Er beschäftigt sich mit dem goldenen Kalb der Mobile- und Internet-Generation, dem ewig Neuen. Dem hippen Trend, der sich in kleinen Alleskönner-Entertainment-Geräten manifestiert. Dem „Was-auch-immer-für-ein-Phone“, dem „Was-auch-immer-für-ein-Device“. Dem Ding, dem nächsten dicken Ding, was alle haben wollen. Dem i-irgendwas, dem Android-Tralala. Oft genug, und das sagt der Artikel, gieren wir nach einem neuen Gerät, dass eine schöne neue Online-Welt verspricht, aber dann doch des Kaisers neuen Kleidern verdammt nahe kommt. Das stört allerdings kaum, denn in Wahrheit jagt man viel lieber der zuvor kreierten Illusion nach.

Der Artikel beschreibt in leicht lesbarer Ironie unseren Tanz um dieses goldene Kalb 2.0. Nebenbei gesagt, merkt man, dass der Autor so langsam an den Früchten der Altersweisheit riecht. Er kann bestimmt aus eigener Erfahrung schreiben und schmunzelt wohl auch über sich selbst. Alles andere wäre auch unglaubwürdig. Dennoch ist der Artikel nur eine Koketterie mit der Idiotie, denn er kommt über das „Lachen-wir-doch-jetzt-alle-mal-über-uns-selber-und-dann-weiter-so“ nicht hinaus.

Denn  dummerklugerweise hört der Artikel genau da auf, wo es eigentlich wirklich anfängt weh zu tun. Da, wo man den Finger in die Wunde legen müsste. Da, wo einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Zum Beispiel, bei dem Film, der das ganze Dilemma unserer westlichen, zivilisierten, industrialisierten, kapitalistischen Welt aufzeigt. Der aufzeigt, dass an unserem Idioten-Wohlstand Blut klebt: 

„Blood in the mobile“. (2)

Es geht um diesen Film, der dort anfängt, wo das deutsche Internet-Kabarett bei SpOn aufhört. Ein Film, der zeigt, wie Menschen im Kongo ausgebeutet, vergewaltigt und getötet werden, damit die Technologie-Lieferanten unserer industrialisierten Idioten-Welt uns mit den neuesten Smartphones und sonstigen Mobile-Devices versorgen können. (3) Also die Geräte, mit denen wir unsere Termine telefonisch klar machen. Die Geräte mit denen wir familienorganisierende Kurznachrichten verschicken, unseren Gefühlszustand twittern und unsere Mittagspause und den Betriebszustand der Kaffeemaschine facebooken. Alles mobil, natürlich mit Standortangabe. Muss sein, weil geht.

In diesem Film geht es um „Konfliktmineralien“. (4) Was für ein Wort. Es geht um Erze und „seltene Erden“, die fast ausschließlich im Kongo abgebaut werden, und die für den Bau unserer Kommunikationsgeräte gebraucht werden. Ressourcen, für die wir Geld zahlen. Geld, mit dem der Krieg im Kongo finanziert wird. Krieg, mit dem Herrschaftsverhältnisse so zementiert werden, dass eine bequeme und kostengünstige Ausbeutung möglich ist.

Richtig fies wird dieser Film, wenn wir gezeigt werden. Wir, in Form unserer Technik-Konzerne, die uns Idioten mit den neuesten „Devices“ versorgen. Dann sieht man nämlich, wie gut wir darin sind, Dinge kompliziert zu machen. So kompliziert, dass man Verantwortung verstecken, relativieren, abgeben und verwalten kann. Die Interviews und Gesprächsfetzen mit den Vertretern der Konzerne sind niederschmetternd, weil sie so selbstverständlich und nachvollziehbar daher kommen. Grausam. Die kleine Szene am Ende des Films ist pervers. Schlicht pervers. 

Ich schämte mich am Ende dieses Films, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Ich fühlte mich mal wieder machtlos. Ja, er hat schon Recht, der Kolumnist beim SpOn, wir sind Idioten. Doch wir sind es aus gänzlich anderen Gründen. Schlimmer noch, wir sind ignorante Idioten.

Der Film kam gestern Abend auf Arte, und wird am Samstagnacht wiederholt und wahrscheinlich hat er weniger Zuschauer, als der SpOn-Artikel Leser. Die Ironie an der Sache ist aber, dass wir ja alle die entsprechenden „Devices“ hätten, um uns den Film, der zu nachtschlafender Zeit wiederholt wird, zu konservieren.

Man muss Männern wie dem Filmemacher Frank Poulsen danken, denn er entlarvt die hippe Mobile-Social-Media-Generation als das, was sie ist: Ignorante Idioten in einer Alternativloskultur. (5)

Links zum Artikel:

PS: Konfliktmineralien ist für mich jetzt schon das Wort des Jahres 2011.

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