Nackt in der Datendisco 2


Den nachfolgend verlinkten Artikel kann ich nur jedem zur sorgsamen Lektüre empfehlen, denn dort zeigt sich die Kehrseite der glänzenden Facebook-Twitter-Google-Medaille, die jeder Netzbürger um den Hals trägt. Außerdem zeigt er eigentlich noch ein anderes Problem auf:

Ihr guter Ruf im Web
Für diesen Artikel haben wir beispielhaft das Profil einer realen Person erstellt, indem wir frei verfügbare Informationen im Internet suchten und verknüpften. Als Protagonisten wählten wir einen Mitarbeiter eines Internet-Unternehmens. Der hatte damit zunächst kein Problem – bis er den fertigen Artikel sah. Dann bekam er kalte Füße.(aus: Ihr guter Ruf im Web | c’t)

Erste Erkenntnis: Will sich jemand aus Euren Daten ein Bild von Euch klöppeln, dann kriegt er das auch hin. Möglicherweise ist es ein Zerrbild, aber auch das ist dann in der Welt, und vielleicht sogar schlimmer schädlicher als alles andere.

Zweite Erkenntnis: Genau darum besteht der Wunsch nach Privatsphäre – bei jedem! Auch wenn man denkt, man hätte nichts zu verbergen. Auch bei den ganzen Social-Media-Menschen, die sich im Netz mit Faustregeln, wie  „Schreibe nichts ins Netz, was Du nicht auch am nächsten Tag ohne Gewissensbisse in der Tageszeitung über Dich lesen könntest.“ durch’s Netz philosophieren, besteht im Fall des Falles der Bedarf an Kontrolle über das eigene Abbild im Netz. 

Ich halte mich auch an den „Tageszeitung“-Ratschlag, denn er ist gut. Doch damit allein ist es nicht getan, denn es kommt darüber hinaus darauf an, wer was mit unseren Daten anfangen darf: Kriegt einer einen Job nicht, weil er auf Facebook, oder wo auch immer, sein ausschweifendes Privatleben dokumentiert hat, dann ist er selber daran schuld. Keine Frage. Darf der Staat aber Datenerhebungen durchführen und sich seine eigenen Bilder zusammenschrauben, dann  wird’s unlustig. 

Gerade jetzt, in der großen Wikileaks-Debatte, schreien Politiker, dass das doch alles nur Daten sind, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren, und die nur Zerrbilder ergeben und die Integrität der Demokratie zerstören würden. Ok. Folge ich dieser Argumentation, dann gilt das bitteschön aber auch für meine Daten, lieber Staat: Die sind zum ganz großen Teil nicht für Dich bestimmt und würden nur Zerrbilder ergeben. Soviel zum Thema Vorratsdatenspeicherung

Mit Hilfe der über die gesamte Bevölkerung gespeicherten Daten könnten wieder Bewegungsprofile erstellt, geschäftliche Kontakte rekonstruiert und Freundschaftsbeziehungen identifiziert werden. Auch Rückschlüsse auf den Inhalt der Kommunikation, auf persönliche Interessen und die Lebenssituation der Kommunizierenden werden wieder möglich. (aus: Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! – Startseite)

Wenn Finanzamt, Krankenkasse und Polizei mit Web- und Kommunikations-Daten arbeiten, die möglicherweise falsche Bilder ergeben, oder aber in gesetzlichen Grauzonen zur Anwendung kommen, dann geht es plötzlich nicht mehr nur um den guten Ruf im Web, dann geht es um das echte Leben.

Ich würde mir wünschen, dass viele den c’t-Artikel auch unter diesen Gesichtspunkten lesen, und sich auf Dauer in der Bevölkerung ein viel stärkeres Bewusstsein für diese Dinge entwickelt.

Passenderdings stelle ich doch gerne auch nochmal meine Version von „Heute hier, morgen dort“ als wohlmeinende Warnung der Facebook- und Twitter-Generation zur Verfügung: 

Heute hier, morgen dort 
(Text: jo jmatic; Original: Hannes Wader)

Heute hier, morgen dort,
sind sie drin, gehn sie niemals fort,
Party-Bilder in ’ner Facebook-Galerie. 
Hab‘ sie selbst ins Netz gestellt, 
hab‘ es selber so gewählt, 
nie nach Rechten und Folgen gefragt.

Jetzt bereue ich’s schwer, 
denn jetzt denk‘ ich, ich wär‘, 
so viel besser dran, 
hätt‘ ich’s nie getan, 
denn mein Chef hat sie gesehn, 
und er kann nicht verstehn, 
wie man nackt auf‘ ner Party singen kann.

Dass er mich nicht vermisst, 
zeigt die Kündigungsfrist, 
die quasi nicht vorhanden ist. 
Das stört und kümmert mich extrem, 
denn das Pinkeln auf’s Firmenemblem 
bleibt dem guten Manne wohl ewig im Sinn.

Jetzt bereue ich’s schwer, 
denn jetzt denk‘ ich, 
ich wär‘, so viel besser dran, 
hätt‘ ich’s nie getan, 
denn jeder klickt die Bilder an, 
kopiert und verschickt sie dann, 
so dass mich jeder voll und naggisch sehen kann.

Fragt mich einer warum 
ich das tat, bleib ich stumm, 
denn die Antwort darauf fällt mir schwer. 
Denn “Online” sein bringt Fun, 
weil man alles verteilen kann, 
doch das Netz gibt deine Daten nie mehr her.

Jetzt bereue ich’s schwer, 
denn jetzt denk‘ ich, ich wär‘, 
so viel besser dran, 
hätt‘ ich’s nie getan, 
denn mein Ruf ist ruiniert, 
und doch leb‘ ich nicht ungeniert, 
weil alle Welt mein‘ nackten Arsch anklicken kann.


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2 Gedanken zu “Nackt in der Datendisco