Spieglein an der Wand 1


mirror self shot

via weknowmemes.com

Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer hat hier eigentlich wen in der Hand?

Das Bild oben passt gut zu diesem Artikel:

Die Liebe meines Lebens
Niemand kennt uns so gut, niemanden berühren wir so oft: Pausenlos stehen wir in Kontakt mit unseren Smartphones. Nina Pauer über die Abgründe einer grenzenlosen Beziehung.

Quelle: Smartphone: Die Liebe meines Lebens | Lebensart | ZEIT ONLINE

Artikel gelesen? Eieiei, das macht ein schlechtes Gewissen, oder? Ist das der Aufruf zum „Offline“-Sein, zum richtigen und wertvollen, weil analogen Leben? Nein, Quatsch. Wir wollen mal nicht übertreiben.

Aus der Ketzerabteilung: Sollte diese Gesellschaft in eine Online-Abhängigkeit via Smartphones driften, wäre das ja nach der 24/7-Passivkonsum-TV-Ära wieder ein echter Fortschritt. Vielleicht lesen dann die Kids wieder etwas mehr.

Gequält schreit an dieser Stelle die mittelschichtige Gutmenschenfraktion auf. Gequält, aber sehr leise schreit sie, denn die Wahrheit ist: das Smartphone hat diese Schicht mit als erste eingenommen. Gegen Autofirmen, Öl- und Stromkonzerne und Lebensmittelindustrie wettern ist einfach, gegen die sprudelnden Smartphone-Quellen zu lamentieren bleibt schwierig. Verzwickte Sache, das. Deshalb wird Apple zum Geburtsort des großen Bruders, und Android (sehr interessant: nicht Google!) argumentativ als freie Welt dagegen positioniert. Das ist dann schon der Höhepunkt der Weltkritik.

Da bleibt man lieber mal mit seinem iPhone, Samsung, HTC und so weiter,  in Deckung, bis der erste Hersteller das Öko-Smartphone aus regional geklöppelten Bioabfällen erzeugt hat, welches auch nur 12 Stunden am Tag ein Online-Sein erlaubt. I-d-e-a-l! Das wäre die passende Technik mit eingebauter Moralfunktion. Der ökologisch korrekte Mittelschichtler kauft und präsentiert dieses, natürlich sauteure und für 80% der Bevölkerung unerschwingliche Gerät, stolz zu jeder passenden Gelegenheit, als Zeichen fortschrittlich, aber ökologischer bewusster Lebensweise. Das Gewissen seufzt beruhigt auf und schläft sanft ein. Man muss ja nicht unbedingt erwähnen, dass man ein identisches zweites Gerät in der Tasche hat, für die zweite Tageshälfte, wenn die 12 Stunden Online-Kontingent vom ersten Gerät aufgebraucht sind. Man hat ja Abitur und ist nicht blöde. Ist ja außerdem ökologisch, das Ding. Alles unter Kontrolle.

Was? Böse übertrieben und ungerecht? Mag sein. Vergesst einfach alles, was ich geschrieben habe, wenn ihr könnt. Ihr seit die Guten. Die Totalverweigerer sind viel schlimmer. Das sind „die Analogen“.

Schwieriges Thema. Dazu nur kurz das: Ich schließe mich vorläufig – bis zum großen  I. Informationsweltkrieg – den Leuten an, die sagen, dass wir bisher das Rad technologisch noch niemals zurückgedreht haben – und kommunikativ schon gleich gar nicht – und dabei ist die Menschheit als Gesamtheit nicht blöder geworden. Wir machen Fehler und wir haben Defizite, aber andere als frühere Generationen auf diesem Planeten. Mir schien es schon immer ratsam, dass es clever ist den Umgang mit Technik und Kommunikation zu lernen, damit man es den Kindern beibringen und sie im kritischen Umgang damit schulen kann, anstatt sie zu einfach nur zu verteufeln. Alles andere sehe ich als die bornierte Ignoranz und Blödheit einer neuen halbgebildeten Pharisäerkaste.

PS:

 


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Ein Gedanke zu “Spieglein an der Wand

  • Kreuznacher

    Guter Artikel – aber zwischen Ketzern, Gutmenschen und Totalverweigerern fehlt mir der Hinweis auf BewusstNichtMitmacher – ob es da allerdings mehr als Einen gibt, ist mir derzeit nicht bekannt! Mein „Handy“ oder Mobiltelefon ist ein Nokia 1110 siehe http://ecx.images-amazon.com/images/I/41VSA6FKF2L._SL500_AA300_.jpg ! Keiner wird behaupten können, daß ich ein Onlineverweigerer bin, aber ich möchte mir bewusst meinen persönlichen Freiraum erhalten und nicht ständig für Andere erreichbar sein – kein Smartphone, kein iPhone, kein iPad mit Netzverbindung – NEIN! – und das Nokia schmollt oft mit mir, weil ich es nicht Gassi führe, sondern es irgendwo auf dem Bürotisch zurücklasse. Es gibt Zeiten in meinem Leben, die ich ganz egoistisch für mich haben möchte – wo ich in die Ruhe, die Muse (wer kennt das noch!) und das gedankliche Reisen eintauche – wo ich über den Himalaya fliege, mit den Walen tauche oder einfach mal gedankenversunken auf dem Klo sitze! Ein Smartfon mit den aktuellsten Nachrichten über Wichtiges oder auch Unwichtiges in aller Welt als Input benötige ich dann auf keinen Fall und NEIN – ich möchte mich dann auch nicht über Foursquare mit Orts- und Minutenangabe melden und das Gewicht der soeben abgedrückten Wurst der Medienwelt mitteilen.