Terrorinception


↑Die 'Weisser Bär'-Maschine von jo jmatic, 2009; via Ipernity
↑Die ‘Weisser Bär’-Maschine von jo jmatic, 2009; via Ipernity

In meinem alten Blog bot ich den Lesern mal ein kleines Spiel an:

Schließt die Augen und denkt woran Ihr gerade denken wollt, nur nicht an einen weissen Bären. Ihr dürft eine Minute lang nicht an den weissen Bären denken.

Alles Klar? Na, dann los. Die Zeit läuft … Wie? Hat nicht geklappt?

Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen Metakognition. Im Falle unseres kleinen Spiels also der ironische Kurzschluss, dass genau das Ziel unserer Gedanken, an etwas nicht zu denken, per Gedanken sofort von uns überprüft wird, in dem wir daran denken. Böses Spiel. Böses kleines Spiel.

Genau diesen Mechanismus bedienen Politiker – möglicherweise sogar in bester Absicht – in dem sie uns zum Beispiel dieser Tage sagen: Kümmert Euch nicht um mögliche terroristische Anschläge. Lebt einfach ganz normal weiter.

Genau damit haben sie aber den Gedanken an den Terrorismus, und die Verunsicherung darüber in die Köpfe der Bevölkerung gepflanzt. Und da sitzt er nun, der Gedanke, und zwickt und juckt, und wird sehr schnell zu unserem eigenen Gedanken der Verunsicherung.

Verunsicherung. Das ist der Gedanke, den ein Innenminister lesen kann, und dafür hat er eine Lösung: Sicherheit. Das geben seine Werkzeuge und seine Funktion her. Er verschärft Gesetze und schränkt Freiheiten ein. Weniger Freiheit, mehr Sicherheit. Mehr Sicherheit, weniger Terrorismus. Das ist die simple Formel, die ein Minister des Inneren anbieten kann. Mehr gibt sein Amt nicht her.

Freiheit und Sicherheit sind aber wie Tag und Nacht. Wo das eine ist, kann das andere nicht sein. Anders gesagt: Der Preis für Sicherheit ist Freiheit. Allerdings zahlen wir diesen Preis für eine trügerische Sicherheit, denn auch zwischen der Sicherheit und dem Terrorismus findet ein Spiel statt. Man nennt es “Hase und Igel”. Unschwer zu erraten, wer hier wer ist.

Die Frage ist, endet die Bedrohung durch den Terror irgendwann, durch das erreichte Mehr an Sicherheit? Nein. Die Bedrohung bleibt. Solange Bedrohung gedacht werden kann, ist sie existent, egal, wie hoch das Maß an Sicherheit in einem Staat geschraubt wird. Wieso lassen wir dann dieses offensichtlich hochkomplexe Problem von einem Minister mit eingeschränkter Funktion und einem eng begrenzten Vorrat an Werkzeugen bearbeiten? Wir beauftragen ja auch keinen Uhrmacher damit, die Zeit anzuhalten.

Die Terroristen entdecken dieser Tage eine neue Ökonomie: Es reicht zu drohen. Es reicht existent zu sein. Die bedrohten Staaten fangen dann an Milliarden für neue Sicherheit auszugeben, und schränken die Freiheiten ihrer Bürger damit mehr und mehr ein. Da die globalisierte Wirtschaft aber Freiheiten braucht um den notwendigen Geldfluss zu gewährleisten, gerät auch sie ins Straucheln und dann sucht sie sich einfach – und zwangsläufig – neue Wege. Merke: Die Wirtschaft hat keine Moral, sie maximiert Gewinne: Die gleiche Firma, die uns Nacktscanner verkauft, verkauft im Zweifelsfall auch Streubomben.

Der Terrorist sitzt derweil in seiner konspirativen Blase – und ist. Das genügt. Je paranoider eine Gesellschaft wird, desto weniger muss er tun. Terrorismus in homöopathischen Dosen. Ein Flugtransfer hier, ein paar Bombenzutaten dort, und die Konsumgesellschft geißelt sich noch ein wenig mehr. Eine Zukunftsvision? Vielleicht. Sollte es irgendwann soweit kommen, leben wir in einer Gesellschaft, die ich nicht haben will. 

Polizisten mit Maschinengewehren, Nacktscanner, eingeschränkter Netzzugang und das blindwütige Sammeln von Daten aller Art verhindern keinen Terrorismus – sie päppeln ihn auf.

[Update]

Ich finde diese Aktion: „WIR HABEN KEINE ANGST!“ ganz gut und passend zu meinem Artikel oben, und habe drum ganz schnell mal mitgemacht: No Terrorinception please! – WIR HABEN KEINE ANGST!

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