Tod der Gebrauchslyrik


Gebrauchslyrik, wenn auch maßvoll angewandt,
taugt zu Ruhm und Ehre doch eher selten.
Sie ist der Werbung viel zu nah verwandt,
wofür die Kritiker sie gerne schelten.
Sei sie auch noch so geschmeidig und vollendet,
gilt sie in Poetenkreisen doch als suboptimal,
weil man sie nur zum Broterwerb verwendet.
Das ist profan und weit weg vom lyrischen Gral.

Den Dichter plagten drum heftige Schmerzen,
weil ihm ein solches Prädikat angepinnt.
Er nahm sich das wirklich sehr zu Herzen,
weshalb er ein Poem ganz neu ersinnt.
Gebrauchen konnt‘ so was wirklich niemand,
aber lyrisch war es dafür um so mehr.
Es war auch so, dass er ein großes Thema fand,
und er schrieb sich jetzt die Seele leer.

Das Poem, es strahlte über viele Zeilen.
Der Dichter schrieb sein Herzblut mit hinein.
So manche Zeilen luden gar ein zum Heulen,
denn er nutzte als Kunstkniff den schrägen Reim.
Er schrieb nicht über Moral und tat es doch.
Das war in Wahrheit die große Kunst.
Befreit war er vom gebrauchslyrischen Joch
und er hatte nicht mal viele Zeilen verhunzt.

Zufrieden beendete er sein dichterisches Tun
und schrieb Zeile für Zeile artig ins Reine.
Er sah sich schon sonnen in Ehre und Ruhm,
die ihm nun zuteil werden würden, ganz alleine.
Mit den Dichterfürsten sollte man ihn nennen.
Das war sein Ziel, sein ganzes Bestreben.
Seine poetische Kraft sollte die Welt erkennen.
Dafür würde er sogar sein Leben geben.

Denn nur die Toten nennt man wirklich groß.
Das wusste er natürlich. Er war erfahren genug.
Drum beendete er sein Leben mit einem beherzten Stoss
gegen den Stapel Gebrauchslyrik, die ihn brav erschlug.
„Ah, ein Gebrauchslyriker!“, sagte die Polizei:
“Der Fall ist klar: Die Masse hat ihn erschlagen.”
„Eine Portion Berufsrisiko ist schon dabei,
wenn sich Lyriker mit glatten Reimen plagen.”

Reimer und Reime wurden schnell zusammen entsorgt.
Landeten im Krematorium, zum gemeinsamen verbrennen.
Der Pfaffe hatte sich vorher noch Reime geborgt,
um ihn „Reimeschmied, der von uns schied” zu nennen.
Welch ein Glück, dass er tot war und das nicht hörte.
Auch, weil er so nicht sah, was noch geschah.
Denn als die Gebrauchslyrik sich im Feuer verzehrte,
brannte auch das Poem, weil es darunter begraben war.

Nur ein kleiner Fetzen kam um die Flammen herum
und ein Arbeiter, der ihn fand, las ihn genau:
“Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium”
Interessiert las er weiter, ging es doch um eine Frau.
„Aha!“, dachte er: „Der hat wirklich werbend gereimt.
Das ist Werbung für’s örtliche Bordell, ganz klar.
Bestimmt hat er damit die dralle Maria gemeint,
die auch mit mir schon im Elysium der Freude war.“

Der Arbeiter, begeistert, begann weiter zu reimen.
Schrieb Zeile für Zeile ein Lied an die Freude,
die ihm Maria bereitet hatte, ganz im Geheimen.
Seine Worte erschufen ein ganzes Reim-Gebäude.
Er endete mit:“eine heitre Abschiedsrunde”
und mit: “süßer Schlaf im Leichentuch”.
Schließlich war sein Wissen um den Tod profunde:
Krematoriumserfahrung, so gesehen, kein Fluch.

Kurzum, der Mann wurde reich, berühmt und oft kopiert,
denn sein Werk war ein poetischer Brüller.
Sogar eine Hymne wurde daraus komponiert.
Man nannte ihn Dichterfürst, mit Namen: Schiller.
Der Andere, der jetzt als Staub in der Urne liegt,
hat umsonst Ruhm und Ehre sterbend umworben.
Der Schiller hat lebend den ganzen Ruhm gekriegt,
und ist irgendwann glücklich unter Maria gestorben.

Diese Geschichte ist nun am Ende und vorbei.
Sie ist sowieso erlogen und nur ausgedacht.
Doch das ist dem Dichter ziemlich einerlei.
Er hat ja nur gebrauchslyrische Übungen gemacht.

jo, 2017

Kommentar verfassen