Untitled Fog

Bundestrojaner: Es ist dieses diffuse Gefühl der Angst und Ohnmächtigkeit

Ja, da ist was dran. Vieles ist dieser Tage diffus, liegt im Nebel, ist nicht recht fassbar – und das nicht etwa nur wegen frisch eingetroffener Herbststimmung. Aus dem Herbstnebel wanken nämlich nicht nur der untote Wiedergänger »Bundestrojaner«, der hier in einem ZeitOnline-Artikel informativ und bei Lobo zurecht humoristisch ins Visier genommen wird, sondern auch die versammelten Banken-, Finanz-, Kapitalismus-, Datenschutz- und überhaupt »fast-der-ganze-Rest-alles-hängt-zusammen«-Krisen. Als knappe Meldungsnebelschwaden, oder als fette, feuchte Diskussionsnebelbänke vernebeln sie mir den Blick, machen meine staatsbürgerliche Klamotte klamm und verursachen eine unangenehme Kälte, die als böse Vorahnung langsam den Rücken hoch kriecht. An diesem Punkt stelle man sich jetzt bitte noch die Schreie der Krähen vor.

Gutes Stichwort: Krähenschreie! Hab‘ in letzter Zeit zu viele Talkshows gesehen, zu viele Politiker reden hören, und darüber zu viele vernünftige Menschen mit den Köpfen schütteln sehen. Frage: Was ist schlimmer, als Menschen die orientierunglos im Nebel stehen? Antwort: Menschen, die orientierungslos im Nebel stehen und dabei aber behaupten, sie wüssten wo’s langgeht. Krähenschreie.

Szenenwechsel: In einem Bett liegt die parlamentarische Demokratie. Sie liegt nach einem Unfall schwer verletzt und nahezu bewegungsos im Bett. Herein kommt, mit einem zwischen Liebe und Irrsinn wechselnden Lächeln, der Kapitalismus. Er pflegt die Demokratie hingebungsvoll, damit sie genesen kann. Geht es ihr dann etwas besser, und sie will ihrer Wege ziehen, bricht er ihr wieder ein Bein, damit er weiter pflegen kann. Ich muss das nicht weiter ausschmücken. Filmliebhaber erkennen die Story:  Es ist die »Misery«-Story mit Kathy Bates, dem verrückten psychopathischen Fan, die in krankhafter Art und Weise den von ihr verehrtem Schriftsteller fast zugrunde richtet. Die Absicht ist klar: Zwanghaftes Verbleiben in einer nichtexistierenden Parallelwelt, und Fortschreibung der Geschichte, im Sinne des Wahns. Das Ende ist auch klar. Mehr muss ich nicht sagen.

Ich wandere weiter durch den Nebel und muss an Resistánce-Kämpfer und Buchenwaldüberlebenden Stéphane Hessel denken, den gütigen alten Herrn, der mit dem kleinen schmalen Buch »Empört Euch« vor einiger Zeit, in einfachen und verständlichen Worten erklärt, wie man durch den Nebel kommt: Mit den richtigen Fragen und Haltung!

Der Finanzkapitalismus, der durch Lobbyisten den Staat beherrsche, bedrohe die Werte der Zivilisation, und die Unterschiede zwischen Reich und Arm seien noch nie so groß gewesen in der Welt. Es sei falsch, wenn behauptet werde, die Kosten für die soziale Sicherung wären zu hoch. Das könne nicht richtig sein angesichts der Tatsache, dass der Wohlstand heute „so viel größer ist als zur Zeit der Befreiung, als Europa in Trümmern lag.“

Empört Euch! – Wikipedia

Die Menschen empören sich. Ich kann’s dumpf durch den Nebel hören:

Liebe Freundinnen und Freunde,

Tausende Amerikaner besetzen gewaltfrei die Wall Street — das Zentrum globaler Finanzmacht und Korruption. Die Besetzer sind der neueste Lichtblick einer Bewegung für soziale Gerechtigkeit, die sich wie ein Lauffeuer von Madrid nach Jerusalem und in mehr als 146 weitere Städte ausbreitet. Aber sie brauchen unsere Hilfe, um zu gewinnen.

Einfache Familien bezahlen die Rechnung für eine Finanzkrise, die von korrupten Eliten verursacht wurde. Die Demonstranten fordern nun echte Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Transparenz. Aber die Behörden üben Druck auf sie aus, und gewisse Medien tun sie als Randgruppen ab. Wenn Millionen von uns sie weltweit unterstützen, können wir ihre Entschlossenheit kräftigen und den Medien und Politikern zeigen, dass die Proteste Teil einer riesigen Bewegung sind, die eine breite Basis in der Gesellschaft genießt.

Dieses Jahr könnte das 1968 unseres Jahrhunderts werden. Aber um Erfolg zu haben, muss die Bewegung alle Bürger und alle sozialen Schichten mit einschließen. Klicken Sie hier, um sich der Forderung nach echter Demokratie anzuschließen — wir werden einen riesengroßen Live-Zähler für alle Unterzeichner im Herzen der Besetzung in New York errichten, und live auf die Petitionsseite webcasten:

http://www.avaaz.org/de/the_world_vs_wall_st/?tta

Die weltweite Protestwelle ist das neueste Kapitel in der Geschichte der globalen Bürgerbewegungen in diesem Jahr. In Ägypten nahmen die Bürger den Tahrir-Platz ein und stürzten ihren Diktator. In Indien brachte der Hungerstreik eines Mannes Millionen von Menschen auf die Straße und die Regierung zum Einknicken — und zu wichtigem Handeln gegen Korruption. Seit Monaten protestieren Griechen gegen drastische Sparmaßnahmen im öffentlichen Sektor. In Spanien haben sich tausende “Indignados” einem Demonstrationsverbot vor den Wahlen widersetzt und ein Protestcamp auf dem Sol-Platz errichtet, um sich gegen politische Korruption und die Art, wie die Regierung mit der Finanzkrise umgeht, auszusprechen. Und in Israel haben die Bürger diesen Sommer “Zeltstädte” gebaut, um gegen ansteigende Wohnungspreise und für soziale Gerechtigkeit zu protestieren.

Diese nationalen Bewegungen verbindet eine weltweite Entschlossenheit, der gemeinsamen Sache zwischen korrupten Eliten und Politikern – die in vielen Ländern zu schädlichen Finanzkrisen beigetragen haben und nun wollen, dass einfache Familien dafür zahlen — ein Ende zu setzen. Die resultierende Massenbewegung kann nicht nur sicherstellen, dass die Hauptlast der Rezession nicht auf den Schultern der Verletzlichsten lastet, sondern auch helfen, die Balance zwischen Demokratie und Korruption wiederherzustellen. Klicken Sie hier, um der Bewegung den Rücken zu stärken:

http://www.avaaz.org/de/the_world_vs_wall_st/?tta

In jedem Aufstand, von Kairo bis New York, ist der Ruf nach verantwortungsbewussten Regierungen, die ihren Völkern dienen, laut und deutlich zu hören — und unser weltweites Netzwerk hat die Menschen dort stets unterstützt. Es ist an der Zeit, der Liebesaffaire zwischen Politiken und korrupten Hintermännern ein Ende zu setzen, und stattdessen wahre Demokratien von und für die Menschen aufzubauen.

Voller Hoffnung,

Emma, Maria Paz, Alice, Ricken, Morgan, Brianna, Shibayan und das ganze Avaaz-Team

aAvaaz – Welt gegen Wall Street.

Die Welt gegen die Wall Street. Das ist sehr plakativ. Da wird gerade richtig Wind gemacht, aber irgendwie muss man die Demokratie doch aus dem Nebel befreien. Die Welt gegen die Wall Street – empört Euch! Warum nicht. Wir leben in einem System, in dem Politiker offensichtlich immer mehr, und bis zur Bewegungsunfähigkeit im globalen Finanznebel fest stecken, und dabei – bewusst oder unbewusst – die wichtigsten Grundwerte unserer Gesellschaft preis geben – siehe oben. Wir leben in einer Gesellschaft, die alles dem Geld-Reichtum unterordnet, wohlwissend, dass der nur für ganz Wenige erreichbar ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Vielen gelernt haben, weg zu schauen, damit sie nicht erkennen, wie wenig erstrebenswert dieser Geld-Reichtum eigentlich ist, denn er funktioniert nur auf Kosten anderer Menschen in dieser Welt. Er ist nur Haben, nicht Sein.

Und ja, eine der wenigen Sachen, die mir in dieser Nebelsuppe klar sind: Es ist nicht die Wall Street. Es ist das System, dass eine Wall Street möglich macht. Und noch was: Der Weg durch den Nebel mag so schwierig sein wie er will, aber ich weiß, dass es besser ist, los zu gehen, als sich in einer Sarrazin-Stellung einzuigeln, und darauf zu hoffen, dass der Jägerzaun die ultimative Antwort in der Vorgartenfrage ist.

Ich geh weiter durch den Nebel, und ich bin nicht der Einzige. Es werden immer mehr.

 

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