Warum Paul Nolte Käse daherredet (siehe unten), weiß ich nicht. Er tut es aber. Weshalb das Käse ist, was er daherredet, schreib’ ich mir jetzt von der Seele. Vorher empfehle ich aber, sich das kurze Interview des DLF mit Herrn Nolte anzuhören:
Kapitalismus ist keine “eindeutige Verlustgeschichte” – Historiker Paul Nolte …Published on dradio-Kultur Heute | shared via feedlyTrieb “FAZ”-Herausgeber Frank Schirrmacher “edel gestylter Kulturpessimismus” um, als er in seiner Zeitung die Frage stellte: Hat die Linke vielleicht doch recht? Der Historiker Paul Nolte glaubt in dem Artikel Schirrmachers den “verzweifelten Rückblick eines 80-Jährigen” zu entdecken. Deutschlandfunk, Kultur heute
Direkter Link zur Audiodatei
»Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.«, schießt mir da spontan durch den Kopf. Das versteht man dann tatsächlich, wenn man hinterher die Spiegel-Kolumne von Jakob Augstein liest: Krawalle in England: Gesellschaft vor der Kernschmelze – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Politik.
Zunächst: Ob Herr Nolte zurecht Frank Schirrmacher widerspricht interessiert mich nicht die Bohne. Der FAZ-Herausgeber lebt auf einem eigenen Planeten. Das weiß mittlerweile wohl jeder. Es regt mich aber auf, wie scheinheilig verlogen und süffisant Herr Nolte ohne Argumente jegliche Kapitalismuskritik abbügelt. Hauptsache, alles bleibt, wie es ist. Ja, ein paar Verlierer wird’s schon noch geben, aber gibt’s die nicht immer?
Er wird gefragt, ob er die Radikalität und die Gewalt des Marktes, und die damit verbundenen Auswirkungen auf die sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten (Stichwort: Armutsschere), nicht als Ursache von Protesten, auch den gewaltsamen, ausmachen kann? Nein, kann er nicht, und er tut es als alten Hut ab. Das ist sein Argument. Ein alter Hut. Dummerweise hat ihn der Interviewer nicht gefragt, was er denn sagen würde, wenn der alte Hut, trotz seines Alters, passen würde.
Er sieht zwar dramatische Verschiebungen im sozialen Gefüge der Gesellschaft, aber bei uns ist es noch nicht so schlimm wie in England und den USA. Also, don’t Panic! Ausserdem gibt es hier viele Ausbildungsplätze. Also, don’t Panic! Dass es für diese Ausgebildeten in Zukunft keine Jobs gibt, in denen diese Menschen einträglich und überlebenssicher Geld verdienen und chancengleich Familien können, interessiert ihn offensichtlich nicht.
Für ihn ist die Situation höchstens eine etwas eine zwiespältige Angelegenheit, da es bestimmten Bürgerschichten eigentlich nicht schlecht geht, weil es ja anderen Bürgerschichten noch schlechter geht. Ein Wahnsinnsargument. Und ja, die Linke analysiert schon richtig, aber wer will diesen Analysen Taten folgen lassen, denn die Maßnahmen de Linken sind ja wohl inakzeptabel, weil sie ein »weiter so, wie bisher« nicht mehr erlauben würden – und wer will das schon!?
Ich kenne die Welt nicht, in der dieser Mann lebt, aber es ist nicht meine. Nur, um es nochmal deutlich zu machen: Mich regt nicht so sehr auf, dass dieser Mann eine andere Weltsicht hat, als ich. Mich regt auf, wie selbstverständlich und zynisch desinteressiert er über die aufkommende Spaltung kompletter Gesellschaften hinweggeht, und dabei noch nicht mal irgendwelche Argumente braucht.
Ja, es ist seit einigen Tagen Mode, linke Politik mit einem Charme-Faktor zu bestäuben. Siehe hier: Frage: Was erlauben Geld? – Virtu(ell)nwaswirkönnen. Das ist nichts Neues. Der oben verlinkte Artikel von Jakob Augstein tut das auch, aber es stimmt eben:
Aber wenn die Gesellschaft kaputt ist, geht auch der Mensch kaputt. Das wollten Thatcher und all die anderen neoliberalen Ideologen nach ihr nicht wahrhaben. Der Markt hat keine moralische Qualität, und ohne Moral werden wir alle zu Tieren.[…]Die Aufstände in London sind, so scheint es, für das soziale Selbstverständnis des Westens, wasFukushima für sein technologisches Selbstverständnis war: der Super-GAU, die immer denkbare, aber nie erwartete Katastrophe, der moralische Meltdown.
Ja, und er sieht es, so wie ich es sehe, und ja, ich fühle mich bestätigt: Wir reden hier eben nicht, wie Herr Nolte, über kleine Unebenheiten im Kapitalismus, die wir tunlichst wieder gerade biegen, und dann einfach weiter machen, wie bisher, sondern wir reden davon, dass das System in seiner Konstruktion und seinem unkontrollierten Wachstum mittlerweile grundsätzliche Fehler erkennen lässt (Zinseszins, Geldschöpfung), die es komplett in Frage stellen.
Und obendrauf: Natürlich geht es nicht darum, linke Parteipolitik für gut zu erklären. Warum das so ist, kann man in dem Augstein-Artikel in klaren und einfachen Worten erfahren. Dem ist nichts hinzuzufügen. Es geht darum, Schlüsse aus richtigen Analysen zu ziehen und das parlamentarische System von unten zu stützen, damit Reformen möglich werden. Der Bürger, diese faule Sau, ist gefragt. Die Demokratie geht offensichtlich nicht nur flöten, wenn die Wirtschaft vor die Hunde geht, sie tut es auch, wenn der Kapitalismusbulle anfängt, mit ihr Schlitten zu fahren.