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ToggleEine kleine Gebrauchsanweisung zur mentalen Selbstverteidigung
Ich weiß nicht, ob ich empfindlicher geworden bin über die Jahre, aber die schiere Menge an Worthülsen und Phrasen in aktuellen Politikeraussagen lässt meinen Blutdruck steigen. Im Geiste sehe ich den Typ, der in „Das Leben des Brian“ vor der Steinigung ruft: „Steine! Bärte!“ Nur jetzt und heute würde er rufen: „Worthülsen, Phrasen!“ Und auf geht es zur Steinigung, äh nee, zur Talkshow, zum Interview oder zur Pressekonferenz, wo mit Worthülsen und Phrasen Themen gesteinigt werden.
Ok, das war bildhaft genug. Manchmal fühle ich mich von diesen Phrasen direkt persönlich beleidigt. Das mag arrogant sein. Ok, zugegeben, das ist arrogant. Aber egal, das ist ein anderes Thema. Fakt ist, die Probleme unserer Zeit sind größer geworden und die Phrasen wachsen offensichlich proportional mit. Je drängender die Probleme aber werden, desto wichtiger ist es für uns Bürger, den Rhetorik-Werkzeugkasten der Politikersprache zu kennen. Denn genervt sein ist die eine Sache – die andere, wichtigere Sache ist es keinen fruchtbaren Boden für solche Phrasen zu bieten.
Und nein, es geht hier nicht um Politiker-Bashing. Wie eben schon erwähnt, ist mir klar, dass die Probleme dieser Gesellschaft, nein, dieser Welt, deutlich schwieriger, gefährlicher und drängender geworden sind. Die Menschen, die politische Verantwortung übernommen haben, sind stellenweise überfordert – weil unsere Systeme und unsere bisherigen Antworten einfach nicht mehr passen. Und von rechts drängen die ewig Gestrigen, die alles noch schwieriger machen. Zu denen aber noch ein paar Worte am Ende.
Alles in allem ist unsere politische Landschaft ein wunderbarer Nährboden für Worthülsen und Phrasen. Ok. Hier eine kleine Gebrauchsanweisung zur Selbstverteidigung.
„Chefsache“
Wenn eine Sache – meistens vom Chef – zur Chefsache erklärt wird, bedeutet das allzuoft eben nur, dass der Chef sich ein momentan nicht lösbares Problem vom Hals reißt und in die eigene Giftschublade packt. Das Problem wird dadurch kein bisschen schneller oder besser gelöst, denn was vorher Vorarbeit und vieler Köpfe und Hände Arbeit bedingt hat, bedingt es auch jetzt. Außerdem darf man an dieser Stelle auch gerne mal fragen, was am ganzen – vom Chef geleiteten – System eigentlich falsch ist, wenn der Chef persönlich ran muss.
„Wir müssen das endlich anpacken“
Meint, dass bis jetzt jeder damit zufrieden war, dass das Problem in den bestehenden Strukturen, durchgespült und verwaltet wurde, jetzt aber langsam der Politkerkittel anfängt zu brennen, weil das Wahlvolk zündelt. Aus diesem Grund wählt man das Verb “anpacken“, was Stärke und Direktheit und aufgekrempelte Ärmel suggeriert.
„Zukunft gestalten“
Mit dieser Formulierung wird gerne die natürliche und grundlegend sinngebende Aufgabe von Politik, nämlich die Probleme von heute in Lösungen für morgen zu transformieren, in die Suggestion eines total neuen und revolutinären Gedanken erhoben – und als ein erhabener, visionärer und kreativer Gestaltungsprozesses präsentiert, bei dem der Bürger sogar mitmachen darf – per Kreuz an der richtigen Stelle – versteht sich. Im Grunde möchte man an dieser Stelle immer antworten: „Toll, Herr/Frau Politiker/in. Sie haben ihre Stellenbeschreibung gelesen. Ich als Wähler empfinde gerade tiefe Dankbarkeit.“
„… und übrigens …“
Eine heute sehr beliebte – und meiner Meinung nach unfassbar quälende – Politikerfloskel, die absolut manipulativ impliziert, dass der Zuhörer oder der Adressat nicht auf dem Laufenden ist und das Offensichtliche verpasst hat – eine subtile Abwertung der Aufmerksamkeit des Publikums oder des Fragenden. Anders gesagt: Die Floskel schafft eine rhetorische Hierarchie, denn der Sprecher positioniert sich als Insider, der großzügig „Information“ liefert.
„Ich fühle mich nicht wohl mit dieser Formulierung“
Das ist eine klassische Ausweichmanöver-Phrase von Politikern – sie signalisiert eine moralische Hoheit, ohne den Inhalt nachvollziehbar zu kritisieren oder die eigene Position zu nennen. Sie personalisiert Kritik als subjektives Gefühl, blockt die Debatte ab und lenkt auf Emotionen statt Fakten.
„Wir dürfen den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen“
Eine Phrase, die sich als diplomatische Weisheit verkleidet, aber eigentlich das Gegenteil von Diplomatie leistet: Sie macht Kommunikation zum Selbstzweck. Gesprochen wird, damit gesprochen wird. Was dabei herauskommt, ist Nebensache – Hauptsache, der Faden hält. Dahinter steckt oft eine von drei Realitäten: Man braucht das Gegenüber und will es nicht verprellen. Oder man hat keine belastbaren Argumente. Oder man will der eigenen Klientel suggerieren, dass man „dabei” ist, ohne irgendetwas riskieren zu müssen. Der Faden als Fetisch – der Wähler als Voyeur.
„Das ist falsch“
Auf den ersten Blick wirkt das wie Klarheit – endlich mal einer, der Ross und Reiter nennt. Doch meistens funktioniert die Phrase anders: Sie ersetzt Argumentation durch Behauptung. Wer „Das ist falsch” ruft, erklärt in aller Regel nicht, warum etwas falsch ist, denn Ziel des markanten und eindeutigen Wortes „Falsch“ ist nur seine Stoppwirkung auf das Gespräch. Das Gegenüber wird kurz in die Ecke gestellt, der Sprecher kann den frei gewordenen Raum mit seiner Version, seiner Meinung oder einer vorenthaltenen Information füllen. Nachfolgender Widerspruch vom Gegenüber klingt dann automatisch wie Sturheit oder Verteidigung.
„Wir nehmen das sehr ernst“
Der Klassiker unter den Beschwichtigungsformeln. Fast schon ein Reflex – kaum bricht irgendwo ein Problem auf, wird es „sehr ernst genommen”. Die Phrase ist unangreifbar, weil sie nichts verspricht außer einer Haltung. Und Haltungen lassen sich bekanntlich nicht einklagen. Was sie implizit mitliefert: dass alle anderen das Problem anscheinend nicht ernst nehmen – nur der Sprecher schon. Ein kleines, gepflegtes Überlegenheitsgefühl, verpackt in scheinbare Bescheidenheit.
Meine Gedanken schweifen
Soweit, meine Hitparade der Phrasen, die mich aktuell am meisten nerven. Wobei ich ja auch sagen muss, dass mich jetzt nach dem Aufschreiben dieser Zeilen ein anderer Gedanke fesselt: Ist es nicht toll, was mit Sprache möglich ist. Worthülsen sind ja eigentlich kein Versagen von Sprache, sie zeigen ja nur, was mit Sprache möglich ist – sie funktionieren ja, sonst würden Politiker sie nicht benutzen. Ich lasse das mal so stehen.
Ups! Habe ich auch gerade eine Worthülse benutzt? Nun ja, es wäre ja dem Thema geschuldet eigentlich nur konsequent. 🙂
Interessant ist auch, dass sich Phrasen über die Generationen und Jahrzehnte auch geändert haben. Heute würde kein Politiker mehr sagen „Das Volk wird es zu würdigen wissen”, oder „Die Bevölkerung steht geschlossen hinter…” Interessanterweise sind diese Phrasen gar nicht so alt wie man vielleicht annehmen mag. Noch in der westdeutschen Adenauer-Ära und auf der anderen Seite im DDR-Sprech konnte man diese Phrasen in den 50er- und 60er-Jahren hören. Heute funktionieren die natürlich nicht mehr.
Und jetzt noch dieses Juwel: „Besonnenheit ist das Gebot der Stunde”
Diese Phrase ist etwas besonderes in meinen Augen, weil sie zwar uralt und steif wirkt, aber im Grunde möchte ich sie im Moment vielen politischen Akteuren auf dieser Welt auf den Badezimmerspiegel schreiben, damit sie sie beim Zähneputzen lesen können.
Am Ende Klartext?
Wie anfangs schon angesprochen, ist der rechte Rand unserer politischen Landschaft ein spezieller Fall: Die AfD hat das Bild der „Volkspartei, die endlich Klartext spricht” sehr erfolgreich besetzt. Das ist natürlich selbst eine Worthülse – „wir sagen, was alle denken” ist eine der ältesten rhetorischen Manipulationen überhaupt. Sie impliziert: alle anderen lügen, nur wir nicht.
Während klassische Worthülsen verschleiern und weichspülen, arbeitet die AfD-Rhetorik oft mit dem Gegenteil, nämlich bewusster Zuspitzung, die Komplexität nicht verdeckt, sondern vernichtet. „Das Boot ist voll”, „Remigration”, „Umvolkung” – das sind keine Worthülsen im klassischen Sinn, sondern Verdichtungsformeln, die eine ganze Weltsicht in zwei Worte pressen. Das ist viel gefährlicher als die üblichen Politikerfloskeln, weil diese Simplifizierungen und Umdeutungen nicht langweilen sondern aktivieren.
Begriffe wie „Meinungsfreiheit”, „das Volk”, „Widerstand” werden auch bewusst aus ihren Kontexten gerissen und neu besetzt. Auch das sind keine Worthülsen, sondern eine Art rhetorisches Kapern.
An dieser Stelle darf man doch nochmal weiterdenken: Wenn Menschen jahrzehntelang mit Worthülsen, Ausweichmanövern und rhetorischen Nebelkerzen konfrontiert werden, entsteht daraus vielleicht ein Glaubwürdigkeitsvakuum. In dieses Vakuum stößt dann jemand, der demonstrativ auf Verpackung verzichtet. Das bedeutet dann aber, dass die AfD-Rhetorik nicht trotz ihrer Grobheit überzeugend wirkt – sondern wegen ihr. Das ist kein neues Muster. In der Weimarer Republik lief es ganz ähnlich – die demokratischen Parteien spülten weich und relativierten, während die NSDAP Bilder, Emotionen und demonstrative Direktheit einsetzte. Die Folgen sind bekannt.
Worthülsen sind also eventuell nicht nur harmlos nervig. Sie produzieren vielleicht auch ein Wahlvolk, das für demagogische Vereinfachung empfänglich wird. Sprich, wir haben gestern die Eier selber versteckt, die heute von Leuten gefunden werden, die sie dem Osterhasen zuschreiben. Na dann, frohe Ostern.
Macht‘s man gut
jo