Ich bin sauer 7


Osama bin Laden ist tot. Ok, jetzt hab‘ ich’s auch geschrieben. Osama bin Laden ist tot und ich bin stinksauer! Ich bin stinksauer aus vielen Gründen. Je mehr ich Nachrichten lese, höre, sehe, desto sauerer werde ich.

Zunächst mal: Osama bin Laden ist tot, aber hey, das hätte er auch schon vor Jahren sein können. Er hätte schon damals gut und gerne in den Bergen von Tora Bora erwischt werden können. Er hätte später wahrscheinlich noch dutzendfach erwischt werden können. Der Mann hatte Glück, die Jagd auf ihn bis jetzt überlebt zu haben. Jetzt wurde er eben erwischt. Fertig.

Er wurde erschossen – jedenfalls sagt man das. Es wird keine medial ausgeschlachtete Verhaftung, keine Verhandlung, keine Propaganda, ausser der Propaganda mit dem Bild vom toten Mann im „Guevara“-Stil, geben – und ob das echt ist, sei auch noch dahin gestellt. Wer hätte aber etwas anderes erwartet? Der Mann lebte mit dem Schwert und er starb durch das Schwert. Er hat sich seiner Verhaftung widersetzt und wurde dabei erschossen.

Der humanistische, demokratische und christliche Unterbau des deutschen Bürgers wackelt darum aber heute, denn dem grundguten deutschen Staatsbürger stellt sich jetzt folgende Frage: Sollte man die USA jetzt ankacken, weil sie ihn einfach erschossen haben? 

Ich finde nicht, denn der Typ hat den Krieg zu seinem Lebensinhalt gemacht. Er hat öffentlich mit Waffen kokettiert, während er andere mit diesen Waffen in den Tod schickte. Er hat Hass gesät, sonst nichts. Darüberhinaus hat er sich mit der grössten Militärmaschinerie dieser Welt angelegt. Eine Maschinerie im Übrigen, die von uns Europäern gerne in Anspruch genommen wird, wenn es Probleme auf dieser Welt gibt, die palavernde Politiker nicht mehr unter Kontrolle bringen. Wer hätte im Ernst etwas anderes erwartet, als dass die US-Soldaten nach der Maßgabe vorgehen, die vor fast zehn Jahren ausgegeben wurde: Tot oder Lebendig.

Für bin Laden war das der beste Abgang, den er kriegen konnte, als Krieger, der sich bis zuletzt im Kampf gegen das Böse befand. Wenn er jetzt noch könnte, würde er sich den Arsch abfreuen, dass er so einen Abgang hingekriegt hat. Geschnappt werden und dann in einem US-Millitärgefängnis zu landen, wäre für ihn eine Katastrophe gewesen und für die USA auch. So pervers das klingt, das war wahrscheinlich ein Shoot-Out in beiderseitigem Einvernehmen.

Dieser Typ hat niemals den Krieg als letztes Mittel seiner Politik genutzt, denn seine Politik bestand nur aus einem Mittel, dem Terror. Terror, weil der Westen schlecht ist. Steht so im Koran. Fertig. Das war und ist die komplette Taliban-Philosophie. Ansonsten gilt für diese Jungs: Der Rest steht im Koran und ist wörtlich zu befolgen.

Es ist kein Wunder, dass die Taliban mit den Umbrüchen in Nordafrika und im Nahen Osten nichts zu tun haben, denn die T-Philosophie ist schon längst vom Leben überholt worden. Die sogenannten Demokratie-Bewegungen in diesen Ländern zeigen nämlich nur eins ganz deutlich: Die Menschen dort wollen am Wohlstand des Westens teilhaben, und wenn die Demokratie die Voraussetzung dafür ist, na gut, dann ist es eben die Demokratie. Das haben die Taliban bis heute nicht kapiert.

Trotzdem haben diese Jungs in einer Sache recht: Der Westen ist in vielen Dingen kacke. Bis dahin hat bin Laden recht gehabt, aber er hat an dieser Stelle aufgehört zu denken, und hat seinen Anhängern einen Bärendienst erwiesen, weil Terror seine einzige Antwort war. Wie gesagt, nicht seine letzte Antwort, sondern seine einzige. Er war ein Schwachkopf. Er war ein Schwachkopf, weil er niemals helle genug war, die eigentlichen Ursachen für das Elend seiner Leute zu durchblicken. Hätte er das nämlich getan, hätte er gewusst, dass es für den Westen wesentlich einfacher ist, Krieg zu führen, als sich zu reformieren.

Gefährlich wurde dieser Schwachkopf aber durch uns. Man sollte sich in diesen Tagen vielleicht noch mal den ein oder anderen Hintergrundbericht zu Afghanistan, Irak und Pakistan anschauen. Man wird feststellen, falls man nicht selber ideologisch komplett vernagelt ist, dass es grundsätzlich immer wirtschaftliche Ungerechtigkeiten und Fehlentwicklungen sind, die dort in diesen Ländern die einfachen Leute in die Arme der Volksverhetzer treibt. Der Islam ist dabei nur das kostenlose Marketinginstrument, und jetzt soll hier bitteschön kein Christ, ob aktiv oder Karteileiche, an dieser Stelle aufschreien. Schaut einfach in die eigenen Geschichtsbücher. Es ist ja auch nicht so, dass das bei uns nicht heute auch noch funktionierte.

Zurück zum Tod: Ein Mann wurde erschossen. Ja. Na und? Da unten werden dauernd Menschen erschossen, tagtäglich. Heute muss aber das Bedauern über den Tod des bösen Menschen doch päpstlich zum Ausdruck gebracht werden. An diesen toten Typen kann man aber auch gefahrlos Vergebung üben. Ich kann die Verlogenheit der Christen in diesen Fragen einfach nicht mehr ertragen. Der Papst meldet sich auch nur mit einem Gutmenschenspruch, wenn’s medial was hergibt. Falls die Christen nicht wollen, dass Menschen erschossen werden, warum sorgen sie dann nicht dafür, dass die Politik ihrer Länder endlich dafür sorgt, dass die wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten auf dieser Welt beseitigt werden?

Das führt zur nächsten Frage: Sind die Atheisten und Humanisten an dieser Stelle besser? Ach woher! Gute Menschen wollen wir zwar alle sein, aber das iPad, das Smartphone und der nächste Urlaub müssen schon noch drin sein. Ich bin genauso kacke wie der FDP-Westerwelle, der CSU-Seehofer, die Bundes-Angela und ihr ewiger Ackermann. Und jeder, der dies liest auch. Wir ändern nicht wirklich Dinge. Wir reden. Wir sehen auch, aber wir ändern, wenn überhaupt, nur in homöopathischen Dosierungen, wenn überhaupt. Ökostrom, ja bitte, aber wofür? Doch nur, um mit sauberem Gewissen unseren Luxus weiter zu leben.

Am heutigen Tag wird von unseren westlichen Politikern von der Freiheit geredet, die gesiegt hat und die verteidigt wurde, und das macht mich stinksauer. Unsere Freiheit hat ihre wirtschaftlichen Grundpfeiler nämlich zu weiten Teilen ins Elend der Menschen in Afrika, Persien, Südamerika und Teilen von Asien gerammt. Leute, das ist doch einfach grundkacke.

Die Wahrheit ist: Die Bilder aus Amerika von heute mit den feiernden Menschen in Washington und sonst wo, unterscheiden sich nicht so sehr von ebensolchen Bildern in islamischen Ländern. Was sagt das aus? Vielleicht, dass die einfachen Menschen auf dieser Welt sich alle näher sind, als sie gerne wahrhaben wollen.

 

Die Wahrheit ist, dass der heutige Tag zeigt, dass wir alle Pharisäer sind. Ich auch. 

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7 Gedanken zu “Ich bin sauer

  • der Kreuznacher

    Also irgendwie hätte ich irgendwo einen kleinen, einen klitzkleinen Kommentar eines gläubigen Christen erwartet, daß es eigentlich nicht so ganz Gottes Vorgaben entspricht, einen Menschen gezielt zu töten.Ein bischen…ein klein wenig Empörung ….aber nichts… hat mich doch verwundert ! Naja, spielt ja keine so grosse Rolle, in dem Fall – es ist ja auch keine Präimplantationsdiagnostik, sondern nur ein εὐθανασία – ein leichter oder schöner Tod, wie es Wikipedia definiert.Die jubelnden Massen auf den Strassen in USA haben mich an das alte Rom erinnert – Panem et circenses – Brot und Spiele.Wie schön, daß man bei innenpoltischen Problemen eine Kasper hat, den man zu gegebener Zeit aus der Tasche ziehen und dem man aufs Haupt schlagen kann – dann macht sich keiner mehr Gedanken um die desolate Krankenversicherung, die Finanz- und Wirtschaftskrise und wer stellt dann überhaupt noch die Frage, in welcher Demokratie er lebt?

  • jo jmatic

    @Kreuznacher Oh, Reaktionen von Christen und Humanisten gibt’s zuhauf:http://diigo.com/0h0jo und http://diigo.com/0h0jp und http://diigo.com/0h0jq und so weiter.Ich muss nochmal kurz zur Sache schreiben, weil ich seit gestern so viele Artikel und Kommentare gelesen habe – und bevor mir der Hals platzt: In Afghanistan werden seit Jahren Menschen gezielt getötet. Und nur weil’s jetzt den Chefideologen a.D. in dem von ihm ausgerufenen Krieg erwischt hat, wird’s plötzlich moralisch zweifelhaft? Das verstehe ich nicht.Das ist es ja gerade, was mich sauer macht – diese Reaktionen. Jetzt. Hinterher. Jetzt kann er moralisch daherkommen, der Deutsche: Jetzt, wo die dreckige Arbeit von Anderen verrichtet wurde. Jetzt, wo man wieder Gutmensch sein kann, ohne in die Pflicht genommen zu werden.Dazu kommt, dass die Todesumstände noch nicht vollständig bekannt sind, und man, auch ohne Detailwissen, sich selber zusammenreimen kann, dass fast alle Fakten und Interessen auf beiden(!) Seiten gegen eine Verhaftung sprachen.Ich sag’s nochmal: Wir alle sind mitschuld an den Zuständen in diesen Ländern. Wir lassen unsere Politiker und Soldaten die Drecksarbeit machen, damit wir nicht die Gesellschaft und unseren Lebensstil umbauen müssen, und dann geben wir der Merkel einen auf den Deckel, weil sie gestern nicht genug christliche Pietät geheuchelt hat. Das ist schon ein sagenhafter Spagat, den wir da hinlegen.Natürlich hast Du recht: Das ist eine willkommene Ablenkung von innenpolitischen Problemen. Mir stößt ja dabei im Moment am meisten auf, dass die Atomausstiegsdebatte dabei unter den Tisch fällt.

  • der Kreuznacher

    Upps, da habe ich wohl nicht lange genug gesucht – bei Twitter und Gesichterbuch sind die Reaktionen zumindest ausgeblieben oder ich habe sie, in dem von mir erwarteten grossen Ansturm der christlichen Wertebewahrer, schlichtweg überlesen. Allerdings ist mir das Schwarz/Weiß-Bild, was in den Medien gezeichnet wird, allzu naiv – Hier die Guten und dort der Böse mit den Teufelshörnern. Daß bin Laden ein Verbrecher war, darin gibt es keinen Zweifel – die Frage, die sich seit langem stellt: Wie war eigentlich die Vorgeschichte? Hier ein interessanter Artikel von 2001 http://www.energieverbraucher.de/de/Umwelt-Politik/Frieden-und-Energie/Krieg-… der unbeantwortete Fragen zurücklässt: „Bush berät jetzt die Familie Bin Ladens über die Carlyle Group und hat sich lt. Wall Street Journal mindestens zweimal mit der Bin Laden-Familie getroffen. Die Carlyle-Gruppe ist im Zusammenhang mit dem Terroranschlag vom 11. September ins Visier des FBI geraten. Jahrelang hatte der CIA die islamischen Fundamentalisten großzügig finanziell unterstützt.“Ging es hier eigentlich um Terror oder wurde das Ganze nicht wegen des schnöden MAMMONS so hingebogen?

  • jo jmatic

    @Kreuznacher Danke, für diesen Link. Das ist ein gutes Beispiel dafür, was ich oben im Artikel beschreiben wollte: Die Verquickung von Wirtschaft und Freiheit und Moral. Der Zweck heiligt die Mittel.

  • Uta

    Danke für die deutlichen Worte. Der letzte Satz ist der wichtigste. Ich würde mich links-grün-christlich einordnen, aber was momentan da an Äußerungen vom Stapel gelassen wird, geht mir auch quer runter, und du hast das auf den Punkt gebracht.Gruß aus Ostwestfalen, Uta

  • jo jmatic

    @Uta Danke. Grüße aus dem Naheland nach Ostwesfalen. :)@Kreuznacher Danke, für den Link. Sehr interessant. Die Fragestellung ist zwar so ein klein wenig suggestiv, aber das Bild ist das erwartete. Sehr interessant ist, dass für die meisten der daraufhin Befragten das Mediale so wichtig ist. Die Bestrafung muss gezeigt werden. Das ist, was wir kennen: Gewalt im TV.Genauso, wie Gott instrumentalisiert wird: Der Priester glaubt eben einfach, dass es seinem Gott schon gefallen wird, wenn der böse Osama getötet wird, und schon ist die christliche Welt wieder in Ordnung. Kurioserweise glaubte Osama das Gleiche.