Information und Zeit

Was, wenn Zeit nicht die eine unveränderliche Grundvoraussetzung allen Seins ist?

Unsere gesamte Existenz dreht sich um das Erleben von Zeit. Nichts, was wir fühlen, beschreiben oder festhalten, passiert außerhalb dieses Rahmens. Erleben hat einen Anfang und ein Ende – und das Ende kommt nie vor dem Anfang. Die Wissenschaft nennt das Entropie: Das berühmte Glas fällt, zerspringt in tausend Scherben und setzt sich nie von allein wieder zusammen.

Zeit fühlt sich absolut an – sie tickt gleichmäßig von der Geburt bis zum Tod. Doch Physiktheorien widersprechen sich: Die Relativitätstheorie macht Zeit elastisch (je nach Gravitation und Geschwindigkeit), Quantenmechanik behandelt sie als bloßen externen Parameter, und in Quantengravitationstheorien verschwindet sie oft komplett. Das „Problem der Zeit“ blockiert bis heute eine vereinheitlichte Theorie von Allem.

Was, wenn Zeit und Gravitation gar keine fundamentalen Bausteine sind? Was, wenn Zeit nicht aus sich selbst heraus existiert, sondern emergent aus einer anderen physikalischen Größe entsteht? Die Antwort moderner Physik: Information. Sehr eindrucksvoll beschrieben in diesem Artikel, der mich voll geflasht hat und auch der Grund für diese Schreibe hier ist: Is time a fundamental part of reality? A quiet revolution in physics suggests not (The Conversation).

Der Kern: Zeit ist keine fundamentale Komponente der Realität, sondern entsteht durch irreversible Prozesse, bei denen Information in physischen Interaktionen eingraviert wird – und nie vollständig gelöscht werden kann. Der Zeitpfeil (alles hat Beginn und Ende – Glas intakt -> Glas kaputt) als Ergebnis von Informationsverarbeitung – nicht umgekehrt.

Das ist eine Revolution! Information als echte physikalische Größe, à la Shannon* (auf den bin ich auch jetzt erst gestossen). Jede Interaktion (z. B. Teilchenkollision) hinterlässt bleibende Abdrücke in der Raumzeit – wie winzige Speicherzellen. Diese Imprints sind irreversibel, bauen Entropie auf und erzeugen Zeit, ohne eine niedrige Anfangsentropie im Urknall vorauszusetzen. Voilà: Raumzeit emergiert aus Information.

The universe does not simply exist in time. Time is something the universe continuously writes into itself.

Is time a fundamental part of reality? A quiet revolution in physics suggests not (The Conversation).

Krasser Gedankenmove, oder? Science-Fiction (vom Zeitreisen-Paradox bis zur Matrix) muss neu geschrieben werden. Philosophisch? Freiheit, Determinismus, Ewigkeit – alles wackelt. Theologisch? Schöpfung als prozesshaftes Schreiben von Information statt statischer Uhr? Fragen über Fragen. Bin gerade total fasziniert. 🙂

Tja, soviel Ungefiltertes zum Wochenende. Seht zu, wie ihr damit klarkommt. 😏


*

  • Claude E. Shannon: “A Mathematical Theory of Communication” (1948)
  • Originalveröffentlichung in der Bell System Technical Journal, Bd. 27, Nr. 3–4.

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