Ich will heute von zwei Dingen schreiben, die zunächst als komplett unterschiedliche Themen erscheinen mögen, aber dann doch zusammenhängen.
Das Rauschen
Mich erschreckt in letzter Zeit eine Beobachtung, die ich quasi täglich mache: Menschen jeden Alters, egal ob am Arbeitsplatz oder privat, scrollen. Sie scrollen sich aus Unterhaltungen heraus, scrollen sich durch Mittagspausen, scrollen sich in den Informationsoverkill. Sie scrollen sich in den Timelines ihrer Netzwerke in einen Rausch. In der Regel sind sie dann nicht oder nur schwer ansprechbar. Die Alten tun es in Facebook und Instagram, die Jungen in TikTok und SnapChat. Überschneidungen vorhanden, natürlich.
Als ob das nicht schon bedenklich genug wäre, passiert hier noch etwas zusätzlich Erschreckendes: In ihrem Scroll-Rausch werden sie Opfer des Rauschens. Es ist das Rauschen der Timelines. Dieses Rauschen wird immer lauter, immer beständiger und dann passiert das eigentlich Schlimme: Die Menschen hören keine innere Stimme mehr, sondern nur noch das Rauschen der Timelines. Ich will beides aus meiner Sicht beschreiben und am Ende zusammenführen.
Die innere Stimme
Eine innere Stimme, das war einmal etwas Selbstverständliches. Wenn man liest, spricht sie, und sie hat einen Klang. Sie ist laut oder leise, bestimmend oder zurückhaltend. Erstaunlich ist, woher sie ihren Ton nimmt: von der Typografie dessen, was man liest. Denn schon immer ging es im geschriebenen und gedruckten Austausch auch um die Form, in der man sich ausdrückt, um die Wahl der Schrift. PC-sozialisierte Menschen würden sagen: des Fonts. Eine Serife (z.B. Times New Roman) verlieh Autorität und Tradition, eine Grotesk (z.B. Arial) wirkte modern und direkt; die Wahl der Schrift war die Wahl einer Stimme. Es gab und gibt noch wesentlich mehr typografische Kniffe um Inhalten Stimme zu verleihen, aber ich denke, der Gedanke ist deutlich geworden.
Man konnte Texten also irgendwie ansehen, wer da sprechen sollte, noch bevor man den ersten Satz begriffen hatte. Die Form war Ausdruck, und der Ausdruck machte den Unterschied. Das ist, oder war, die Idealvorstellung typografischer Gestaltung: Die Gestaltung unterstützt den Inhalt.
Auf den Plattformen aber ist dieser Unterschied verschwunden. Hier tippen Kanzler, Konzern und Konfirmand in dasselbe Eingabefeld, dieselbe Systemschrift, denselben zaghaften Farbverlauf fürs Zitatbild. Was einmal Individualität trug, ist zur Uniform geworden. Jeder Gedanke erscheint im selben Gewand, gleich groß, gleich glatt, gleich dicht. Die Schrift wird nicht mehr gewählt, sie wird vorgegeben, und mit ihr die Stimme. Man könnte das für Demokratie halten, für endlich gleiche Bedingungen. Doch die Gleichmacherei der Form schafft keine Gleichheit, sondern nur ein lauteres Gegeneinander und mehr Rauschen. Wo alle gleich aussehen, entscheidet nicht mehr, wer die bessere Stimme hat, sondern wer am lautesten ruft. Und so endet bald jeder Satz mit einem Ausrufezeichen, weil ihm sonst niemand zuhört. Das Ausrufezeichen, einst die Ausnahme des Nachdrucks, wird so inflationär gesetzt wie eine Währung, die niemand mehr deckt. Die Großschreibung tut ein Übriges: keine Betonung mehr, sondern eine Meinungslawine, die alles unter sich begraben will, was leiser gesetzt wäre als sie selbst. Und wo selbst das nicht genügt, wird der Spruch in ein Pixelbild gegossen, in geschwungener Schrift auf sanftem Verlauf, als verliehe die Verwandlung in ein Bild dem Gedanken jenes Gewicht, das ihm die Worte allein nicht mehr zutrauen.
Das Ding ist: Wir nehmen nie nur den Inhalt wahr, sondern immer auch die Form, in der er uns gereicht wird. Ein Umstand, den Administrationen früher schlicht unter „Kommunikationsvorlage“ verbuchten. Heute wird es ehrlicherweise „Framing“ genannt. Nur ist die Form nun keine Wahl mehr. Die Algorithmen in den sozialen Medien sind die einzigen Schriftsetzer, denen gleichgültig ist, was und wie sie es setzen, solange es nur oft genug angetippt wird. Sie kennen keinen Weißraum, keine Pause, in der ein Gedanke atmen könnte, nur das Nachrücken des nächsten Beitrags, überschrieben, ehe er gelesen war.
[Ironie an] Man wünschte sich dieselbe Sorgfalt für den Abstand zwischen den Dingen auch dort, wo zwischen Ankündigung und Wirklichkeit genug Weißraum liegt, um eine ganze Legislaturperiode bequem zu setzen. [Ironie aus]
Der Kanzlerbeitrag steht nun also im selben Format wie jeder Wutbürgerbeitrag. Nur produziert das nicht die erhoffte Augenhöhe, sondern es produziert ein Rauschen, in dem das eigenständige Denken schneller stirbt als ein Eis an einem Sommertag schmelzen kann. Die Botschaft im Rauschen: vergiss und scrolle.
Es stellt sich die Frage, warum das so ist.
Die innere Stimme wird zerrauscht
Hier kommen das Rauschen und der Tod der inneren Stimme zusammen. Am Ende sehen alle Informationen gleich aus in den endlosen Timelines – die guten und schwierigen Gedanken, der Dünnpfiff und die Hetze. Viele halten das für Freiheit und Demokratie. Doch wo die Form vorgegeben ist, ist auch der Gedanke vorgegeben. Jeder schlüpft in dasselbe Gewand, und keiner merkt, dass es die Zwangsjacke ist. Wo alle gleich klingen, hört niemand mehr hin, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Erschöpfung.
Der Zweifel aber, jene leise Rückfrage, mit der einst das Wissen begann, passt in kein Eingabefeld. Er ist zu langsam, zu klein gesetzt, zu leise für das Feld. So vergiftet der Lärm das Denken. Er nimmt dem Menschen nicht die Meinung, davon hat er im Überfluss, sondern die Fähigkeit, den eigenen Zweifel als Erkenntnis zu begreifen statt als Makel. Und wer nicht mehr zweifeln kann, schreit nur noch.
Die innere Stimme ist der erste größere Schaden, der aus der Sucht nach der ewigen endlosen Timeline entsteht – und sie stirbt im Rauschen der Gleichschaltung. Mag sein, dass manch einer an dieser Stelle denkt, dass ich bösartig übertreibe. Ziemlich sicher denken an dieser Stelle viele, dass das alles nicht auf sie zutrifft, denn „wir haben ja alles unter Kontrolle“. Ich weiß. Ich fürchte nur: die innere Stimme stirbt leise und das Rauschen wird nur langsam lauter. Wir kriegen davon nichts mit, aber wir werden taub und kurzatmig in „Social Media“.
Vielleicht ist all das der eigentliche Grund, warum ich hier schreibe und nicht dort. Man könnte es Prinzipientreue nennen, wenn es nicht so verdächtig nach Ausrede und Flucht klänge, weil sich niemand mit meinen Gedanken auseinandersetzen will. Aber sei’s drum: Ein eigener Text hat noch eine eigene Form, einen eigenen Klang, einen eigenen Weißraum. Hier darf ein Satz noch leise sein. Hier darf ich zweifeln, ohne dass es gleich als Schwäche durchgeht. Und hier endet kein Gedanke mit einem Ausrufezeichen, nur weil ihm sonst niemand zuhört. Dass diese Zeilen am Ende womöglich auch niemand liest: geschenkt. Wenigstens schreie ich dabei nicht.
Und noch etwas, das ihr längst seht: Diese Zeilen sind in einer Schreibmaschinenschrift gesetzt. Die Typo heßt „Special Elite“. Das ist natürlich kein Zufall. Jeder Buchstabe sitzt ein wenig schief. Die Typo ist nicht perfekt. Sie ist das Gegenteil der glatten Uniform von dort drüben. Natürlich ist es eine Pose, denn ich tippe auf keiner Olympia-Schreibmaschine. Aber es ist meine Wahl. Die Wahl der Schrift ist die Wahl einer Stimme, schrieb ich oben. Hier ist meine. Sie klappert ein bisschen und ist nicht perfekt. Aber sie gehört mir.