Ein Konstruktionsfehler namens Unfehlbarkeit

Ich habe neulich in einer Diskussion einen Satz eigentlich nur nebenbei fallen lassen, den ich jetzt doch hier festhalten will, weil er zu einem – zumindest für mich – interessanten Gespräch führte: Ich finde die Idee von Gott zu klein für das Universum, die Evolution und die Existenz, wie wir sie kennen.

Ok, das klingt erstmal wie die übliche Provokation des Sonntagsatheisten, und einer meiner Gesprächspartner — ein Theologe, also jemand, der beruflich mit solchen Sätzen umgeht wie ein Elektriker mit blanken Drähten — wollte ihn routiniert abräumen. Denn in dieser Form dreht der Satz die gewohnte Frontstellung ja nur um. Normalerweise gilt die Wissenschaft ja als das Nüchterne, das Gott kleinredet. Gott aber ist groß. Größer als unsere Vorstellung von ihm. Oder von Ihr? Oder, … ok, lassen wir das. 🙂

Ich behaupte ja aber das Gegenteil: Nicht die gedachte Welt ist zu profan und klein für Gott, sondern die Gottesidee ist zu eng für die Welt. Das Ding ist: ich kritisiere ja zunächst nur ein bestimmtes Gottesbild. Den Handwerker-Gott, den Bastler, der die Arten einzeln zusammenschraubt und gelegentlich eingreift, wenn etwas klemmt. Ein Universum mit hundert Milliarden Galaxien, das über Jahrmilliarden aus ein paar simplen Regeln eine solche Vielfalt herausfaltet, ist tatsächlich größer und aufregender als jeder Uhrmacher. Nur — und hier hat mein Theologenfreund zurückgeschlagen — genau das sagen die Theologen seit Jahrhunderten selbst. Wer Gott als sehr großes Ding im Universum denkt, macht ihn zu klein. Spinoza, Tillichs „Grund des Seins“, die ganze ermüdend versteifte Tradition, die über Gott nur sagen will, was er nicht ist: Sie alle drehen den Vorwurf um. Dein Bild ist zu klein? Herzlich willkommen, Dude, das predigen wir hier seit dem dritten Jahrhundert.

Mir ging es aber gar nicht um „Gott“ als philosophische Nebelbank. Mir ging es um den Gott, den die monotheistischen Religionen in ihren Büchern eingekerkert haben.

Ein Vers und seine Fußnoten

Nehmen wir „macht euch die Erde untertan“ (Genesis 1,28), den Lieblingsbeleg all derer, die der Bibel die ökologische Krise anlasten wollen. Die These ist nicht neu und nicht albern: Lynn White hat sie 1967 in The Historical Roots of Our Ecologic Crisis prominent gemacht — das westliche Christentum habe mit seinem Herrschaftsauftrag über die Natur die geistige Lizenz zum Raubbau ausgestellt. Starker Tobak – und sehr einleuchtend.

Nur — und hier erfahre ich wieder einmal, warum man einem Theologen nicht mit einem einzelnen Vers kommt — die Verteidigung steht schon bereit. Erstens das Übersetzungsargument: Die harten hebräischen Vokabeln (kabasch, radah) lassen sich auch als Verwalter- oder Hirtenauftrag lesen, und zwei Kapitel weiter soll der Mensch den Garten ausdrücklich „bebauen und bewahren“. Zweitens das Wirkungsargument: Der industrielle Raubbau sei nicht Folge des Verses, sondern habe sich den Vers nachträglich zur Legitimation gegriffen. Und drittens, der eigentliche Sargnagel für jeden, der ein einzelnes Zitat zur Anklage erhebt: die Deutungsvielfalt. Dasselbe Buch hat die Hexenverfolgung befeuert und die Nächstenliebe gepredigt, Kriege gesegnet und den Pazifismus begründet, die Natur zur Beute erklärt und zur Schöpfung, die zu hüten ist. Ein Text, der alles begründen kann, ist schwer als Ursache von irgendetwas Bestimmtem dingfest zu machen.

Ja, sage ich, genau diese Deutungsvielfalt ist aber mein Punkt. Wenn die Bibel — und der Koran, und die anderen — für jede beliebige Position missbraucht werden konnten und man deshalb ohnehin eine Moral von außerhalb braucht, um zwischen den Lesarten zu entscheiden, dann taugt das Buch als moralische Autorität nichts. Wenn ich außerbiblisch entscheiden muss, welche Bibelstelle die richtige ist, brauche ich die Bibel gleich gar nicht.

Der eigentliche Punkt: eine Technologie, die nicht lernen darf

Ich halte diese kanonisierten Texte der monotheistischen Religionen – wie Y. N. Harari in „Nexus“ beschreibt – für eine frühe Informationstechnologie. Und ich meine das nicht als Beleidigung, sondern als Kompliment mit eingebautem Todesurteil. Denk daran, welches Problem eine Bronzezeitgesellschaft zu lösen hat: Wie speichert und überträgt man Normen, Identität, Weltdeutung über Generationen — ohne Archive, ohne allgemeine Schriftkundigkeit, ohne Institutionen, die länger halten als ein Menschenleben? Die Antwort war genial: Man gießt alles in einen kanonisierten, ritualisierten, auswendig gelernten Text und schützt ihn mit der stärksten Sicherung, die verfügbar ist — göttlicher Autorität. So ein Text übersteht Jahrtausende. Er ist ein Datenträger mit einer Haltbarkeit, von der jede Festplatte träumt.

Nur hat die Sicherung einen Preis. Dieselbe Eigenschaft, die den Text unzerstörbar macht — seine Unveränderlichkeit, garantiert durch einen unfehlbaren Gott —, macht die Nutzer lernunfähig. Ein System, das die eigene Korrektur als Blasphemie definiert, kann sich nicht revidieren. Das ist für mich ein Konstruktionsfehler. Stabilität wurde mit Lernunfähigkeit erkauft, und über Jahrhunderte war das scheinbar ein guter Deal. Obwohl man mit böser Zunge hier auch sagen könnte: Aber auch nur für die Funktionsträger innerhalb des Systems Kirche. Die Rechnung für dieses starre System hat die Masse der Menschen schon sehr früh angefangen zu zahlen.

Mein Gesprächspartner antwortet: Nee,nee, nee! Die Korrektur sei ja doch geschehen — nur nicht am Text, sondern an der Deutung. Das Christentum hat die Sklaverei abgeschafft, ohne einen Buchstaben zu ändern. Das rabbinische Judentum hat mit dem Talmud eine ganze Interpretationsmaschine über den starren Text gelegt. Das Korrektursystem existiere, es liege eben in der auslegenden Gemeinschaft.

Stimmt. Aber: Dann leistet die Gemeinschaft die Korrektur gegen die Trägheit des Textes, nicht dank ihr. Die Unfehlbarkeit ist der Widerstand, gegen den jede Reform sich erst durchsetzen muss — und dieser Widerstand kostet regelmäßig Jahrhunderte und viel zu oft Blut. Dass ein Fehler teilweise kompensierbar ist, macht ihn nicht zu keinem Fehler.

Ein Nachtrag über die Ewigkeit

Es gab im Gespräch noch einen zweiten Tanz: Ich sagte dem Theologen, dass mir das große Heilsversprechen seiner Zunft — das ewige Leben — keine Hoffnung, sondern eine Horrorvorstellung ist.

Der Grund ist einfach: Mein Leben ist mir nur deshalb kostbar, weil es endlich ist. Alles, was ich schätze, findet innerhalb von Zeit statt und bezieht seinen Wert aus ihrer Knappheit. Warum ist ein Fußballspiel spannend? Weil ich den Ausgang nicht kenne. Weil ich die neunzig Minuten durchleben muss, um ihn zu erfahren. Nimm das Nichtwissen weg, nimm das Nacheinander weg, und übrig bleibt kein Spiel, sondern ein Ding ohne Sinn. Wert entsteht durch Verknappung, und die Währung der Verknappung ist Zeit.

Jetzt sagt mein Gegenüber: Ich dächte Ewigkeit falsch. Nicht als endlose Aneinanderreihung von Zeit — unendlich viele Fußballspiele hintereinander —, sondern als aeternitas, als Heraustreten aus der Zeit überhaupt. Boethius nannte es den ganzen, gleichzeitigen Besitz unbegrenzten Lebens. Kein Nacheinander mehr, sondern eine einzige, stehende Fülle.

Ok, an der Stelle hatte er mich falsch verstanden: Denn das ist ja gerade mein Grauen: Nicht endlos viele Spiele, sondern gar keins mehr, weil keine Zeit existiert, in der eines Sinn ergäbe. Kein Vorher, kein Nachher, kein Durchleben-Müssen — und damit auch kein Ich, das durchlebt. Ein Selbst ist nichts anderes als ein Faden durch die Zeit; schneidet man die Zeit weg, bleibt kein zeitloses Ich übrig, es bleibt gar keins. Man verkauft mir die Auflösung genau dessen, was Leben ausmacht, unter dem Namen dessen, was sie auflöst. „Ewiges Leben“ ist nach meinem Verständnis ein Etikettenschwindel: Draufsteht Leben, drin ist sein Gegenteil.

Er sagt — ich projizierte die Ermüdungslogik endlicher Wesen, die Langeweile, auf einen Zustand, der qualitativ anders sei. Aber das trifft nicht, denn ich rede nicht von Langeweile. Langeweile bräuchte noch Zeit, in der sie sich hinzieht. Ich rede vom Verschwinden der Bühne selbst, auf der überhaupt irgendetwas — Freude, Langeweile, ein Tor in der 89. Minute — stattfinden könnte. Und als er mir entgegnet, über diesen Zustand könne ich nichts wissen, gebe ich ihm recht: Eben. Er ist so vollständig anders als alles, was ich Leben nenne, dass ihn ausgerechnet mit dem Wort Leben zu bewerben der eigentliche Etikettenschwindel ist.

Warum beide meiner Thesen zusammenhängen? Dort war es der unkorrigierbare Text, hier die zeitlose Ewigkeit — und in beiden Fällen ist es das Starre, das Unbewegliche, das am Ende das Lebendige verfehlt. Das Heil, das mir angeboten wird, ist so reglos, dass es das, was es retten will, gar nicht mehr enthält.

Die Pointe

Mein Erleben der Welt ist: Wissenschaft, Rechtsstaat, offene Gesellschaft leiten ihre Autorität aus genau der Eigenschaft ab, die der heilige Text sich verbietet: aus der Fähigkeit, sich zu irren und zu revidieren. Das ist die Umkehrung des alten Prinzips. Autorität nicht trotz, sondern wegen der Korrigierbarkeit.

Und darum ist ein Gott, der sich das nicht leisten kann, mir halt zu klein. Nicht weil das Universum so groß ist. Sondern weil wir inzwischen gelernt haben, dass das Zugeben von Irrtümern keine Schwäche eines Systems ist, sondern seine stärkste Eigenschaft. Die Kuratoren und Schreiber damals konnten das nicht wissen. Deshalb ist das kein Vorwurf von mir an dieser Stelle – es ist, wie erwähnt, nur meine Beobachtung. Insofern aber würde ich, wenn ich Kirche wäre, heute eher auf den Verkauf von Werten setzen, als auf den Verkauf von Wahrheiten.

Mein Theologenfreund fand das keine gute Idee und zog sich am Ende auf „die Glaubensfrage“ zurück und konstatierte, dass die Theologie schon eine „ziemlich gute Idee“ von Gott und seinem Sohn hätten.

Ja, dann – gutes Gelingen, sage ich.

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