Seifenkiste ohne Bremse

Geld – die folgenreichste Erfindung der Menschheit?

Während ich dies schreibe, gehen in Frankreich Hunderttausende auf die Straße – gegen Lebenshaltungskosten, niedrige Löhne, soziale Ungerechtigkeit. Auf einem Schild steht: „Der Oktober 2026 ist der neue Mai 68.“ Heute wie damals sucht sich Wut ein Ziel. Die Aufständischen von 1968 landeten vor den Renault-Werken. Heute landen die Demonstranten vor Geschäften und Präfekturen: den sichtbaren Endpunkten einer unsichtbaren Ordnung.

Die Wut ist offensichtlich und ihr Grund ist es auch: Ungerechtigkeit. Ok. Aber woher kommt sie eigentlich? Ich hab eine Erfindung in Verdacht, die wir gar nicht mehr als Erfindung wahrnehmen, so selbstverständlich ist sie geworden. Sprache, Schrift, Landwirtschaft, Kernspaltung? Alles Meilensteine, keine Frage. Aber welche Erfindung hat die Menschheit am tiefgreifendsten geprägt? Für meine Begriffe keine davon. Ich denke, es war das Geld.

Sicherlich, ohne Landwirtschaft gäbe es keine Städte, ohne große Energiereserven keine Industrie. Diese Erfindungen haben Kräfte in unserer Entwicklung freigesetzt. Doch Geld hat bestimmt, in welche Richtung und mit welcher Geschwindigkeit sie wirken. Es ist ein Beschleuniger von Entwicklung – und genau das macht es zu meinem Kandidaten für den ersten Platz.

Keine andere Erfindung hat es Millionen einander Fremder ermöglicht zu kooperieren – und damit Gesellschaften jener Größe hervorgebracht, in denen die Menschheit auf acht Milliarden anwachsen konnte. Ebenso hat keine andere Erfindung Werte geschaffen, die mit nichts Realem auf dieser Welt mehr gedeckt sind. Und – mein Favorit: keine andere Erfindung kann die Damoklesschwerter über unseren Köpfen sogar profitabel erscheinen lassen.

Geld – ausgelagertes Vertrauen

Sprache und Schrift haben unsere Kommunikation und unser Denken erweitert. Sie haben gemeinsamen zwischenmenschlichen Boden geschaffen: Erst gemeinsame Erzählungen ließen Menschen sich zu größeren Gruppen zusammenfinden. Doch Erzählungen verbinden nur, wer an dieselben glaubt. Geld hat aber etwas qualitativ völlig Neues möglich gemacht. Die eigentliche Währung jeder Zusammenarbeit ist Vertrauen – und Geld hat dieses Vertrauen von den handelnden Personen gelöst. Georg Simmel hat das um 1900 in seiner „Philosophie des Geldes“ beschrieben und Yuval Noah Harari hat es populär gemacht. Ein Automechaniker hilft mir nicht aus Solidarität, sondern gegen Bezahlung. Ich muss ihn nicht kennen, er muss mir auch nicht trauen – er muss nur dem Geld trauen, welches er von mir erhält. Auf dieselbe Weise kooperiere ich mit Millionen Unbekannten, die ich nie sehen werde: mit denen, die mein Brot backen, meine Stromleitung warten, meine Steuern in Straßen verwandeln. Diese anonyme Kooperation ist die eigentliche Grundlage jeder Großzivilisation – von den ersten Stadtstaaten Mesopotamiens bis zur globalisierten Wirtschaft.

Die Medaille hat aber zwei Seiten: Ohne Geld gibt es keine Großgesellschaften. Jede mittelprächtige Zombie-Serie hat das zum Thema. Gibt es keine mit stabiler Währung unterfütterten Gesellschaften, zerfallen sie in kleine Gruppen, Fürstentümer, Gangs, Sekten. Viele verfilmte Science-Fiction-Dystopien zeigen dagegen, dass mit Geld aber auch Strukturen wachsen können, die sich verselbstständigen und ihren Schöpfern total entgleiten.

Aber was ist Geld?

Unser „Wer-wird-Millionär“-Wissen sagt, dass die ersten Münzen im 7. Jahrhundert v. Chr. in Lydien geprägt wurden. Tatsächlich ist Geld als Idee aber weit älter. Fragt eure KI mal nach Geld und Muscheln. In Mesopotamien dienten Silber und Gerste schon im dritten Jahrtausend v. Chr. als Recheneinheiten; Tempel und Paläste führten Buch über Schulden, lange bevor irgendjemand eine Münze in der Hand hielt. Geld war von Anfang an kein Ding, sondern ein Versprechen – eine Forderung, in Ton geritzt.

HeiĂźt im Klartext: Geld war schon abstrakt, bevor es MĂĽnzen gab. Die Wall Street hat die Abstraktion nicht erfunden. Sie hat sie nur perfektioniert.

In modernen Gesellschaften ist aus dieser Abstraktion eine Spirale geworden. An den Finanzmärkten wird auf ein Vielfaches dessen gewettet, was die ganze Welt in einem Jahr erwirtschaftet. Gewettet wird also auf etwas, das es so gar nicht gibt. Derivate sind Versprechen auf Versprechen, Schulden stehen auf Schulden. Anders gesprochen: Menschen handeln Getreide, aber sie fassen es nicht an, sie verschieben es nicht von A nach B, und sie machen daraus kein Brot. Für sie existiert es nur als Zahl. Nun ja, dafür verrottet es auch nicht bei ihnen. Wichtig sind nur Gewinn und Verlust. The Moneyshow must go on. Bis sie es eben nicht mehr tut. Das Versagen des Geldes bemerkt niemand – bis es alle gleichzeitig bemerken.

Virtuelle Ungerechtigkeit – aber real

Kurioserweise sind genau die Menschen, die nichts anfassen in den Wertschöpfungsketten dieser Welt, die sozusagen nicht mit ihren Händen arbeiten, die Topverdiener in unseren Gesellschaften. Sie sind diejenigen, die auch dann noch das Brötchen kaufen können, wenn der Preis des Getreides dafür durch die Decke geht. Ungerecht? Möglicherweise. Hat Geld die Welt dann ungerechter gemacht? Oder, um die Frage anders zu stellen:

War der Mensch nicht schon vor dem Geld scheiĂźe?

Soziale Ungleichheit gibt es nicht erst seit dem Geld – das stimmt. Dominanzhierarchien bei Jägern und Sammlern, bevorzugte Beuteanteile, Sklaverei, Pachtbauern, denen der Ertrag ihrer Arbeit genommen wurde. Und ja: Auch Land ließ sich vererben und der Erbadel überdauerte Jahrhunderte. Soziale Ungerechtigkeit gab es schon immer. Soweit die Binse.

Hinter dieser Offensichtlichkeit verbirgt sich aber eine wichtige Tatsache: diese Ungleichheiten waren an etwas gebunden – an Boden, an Personen, an Rang, an Gewalt. Wer Land besaß, besaß eben Land. Wer Getreide hortete, sah es verrotten. Wer über Menschen herrschte, musste sie sehen, ernähren, kontrollieren. Reichtum hatte eine Gestalt, und mit der Gestalt eine Grenze.

Geld hat diese Bindung gelöst. Es hat Ungleichheit konvertierbar gemacht: Jede Form von Vorteil lässt sich seither in jede andere umtauschen – Land in Einfluss, Einfluss in Bildung, Bildung in Einkommen, Einkommen wieder in Land. Und es hat ihr Eigenschaften verliehen, die keine Form von Reichtum zuvor besaß:

Geld ist unbegrenzt akkumulierbar, denn Geld verrottet nicht, und der Zinseszins lässt es wachsen. Reichtum wird durch Geld verlustfrei verschiebbar, vererbbar, teilbar und transportierbar, ganz ohne Hof, Gesinde und Fehde. Eine weitere Eigenschaft ist die unsichtbare Struktur, die Geld schafft, denn Kapital regiert, ohne dass ein Tyrann Ziegen und Kohlköpfe als Tribut vor einen Thron empfangen muss. Geld schafft Anonymität und verschleiert damit die Herkunft von Macht.

Ich sehe noch eine Entkopplung, und zwar eine moralische: Geld hat der Ungleichheit eine Mathematik gegeben. Vor dem Geld war Ungleichheit eine Frage von Stärke, Herkunft und Zufall. Seither ist sie eine Frage von Zins, Rendite und Kapitalstock – berechenbar, vererbbar und aus sich selbst heraus wachsend, und schuldenschaffend. In den Filmen wird an dieser Stelle gerne gesagt: „Ist nicht persönlich – ist das Geschäft.“

Keine Bremse – dumm gelaufen

Bleibt die Frage, ob das Geld die Ursache der großen Fehlentwicklungen ist oder nur ihr Verstärker. Mag sein, dass technische und soziale Erfindungen und der Wille zur Expansion aus einem Urantrieb im Menschen entstehen. Aber erst das Geld verbindet all das, ändert die Maßstäbe und macht komplexe selbsterhaltende Systeme möglich: Kredit verwandelt künftige Erträge in heutige Investitionen – und Rendite verlangt, dass morgen mehr umgesetzt, gefördert, verbrannt wird als heute. Waffen sind böse, aber Rüstung ist ein Wirtschaftsmotor.

Eine Seifenkiste ohne Bremse, auf abschüssiger, kurvenreicher Straße – so erscheint mir unsere von Geld regierte Welt. Dabei hatte das Geld einmal eine. Mesopotamische Herrscher verfügten immer wieder allgemeine Schuldenerlasse: Die Schuldtafeln wurden zerbrochen, Schuldknechte kehrten zu ihren Familien zurück. Man wusste offenbar, dass Forderungen schneller wachsen als das, womit man sie begleichen kann – und stellte die Uhr zurück. Clever.

Wir haben diese Bremse ausgebaut. Was bleibt, ist ein System, dessen Wachstum keine natürliche Grenze kennt, weil es selbst keine natürliche Grenze hat – auf einem Planeten, der aber sehr wohl eine hat.

Und ohne Geld?

Weil ich weiĂź, dass die Leser, die bis jetzt durchgehalten haben, schon seit einigen Absätzen denken: „Dieser alte Sozialist – will das Geld abschaffen.“ Nein, will ich nicht. Aber es stellt sich schon die Frage: Wie wäre eine Welt ohne Geld?

Da fällt mir doch direkt „Star Trek“ ein. In der Föderation der Zukunft gibt es kein Geld mehr. Captain Picard sagt tatsächlich diesen Satz (den ich wirklich recherchieren musste): „Der Erwerb von Reichtum ist nicht länger die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern – und den Rest der Menschheit.“ Aha! Keine Kriege um Ressourcen mehr, keine Armut mehr – die Erfindung, die alles möglich machte, wurde überflüssig. Toll. Aber wie?

Wie ist die Menschheit in dieses buddhistische Stadium gekommen? Die Star-Trek-Antwort ist eine Erfindung: Die Replikatoren, die 3D-Drucker der Zukunft. Die Dinger können so ziemlich alles herstellen und haben damit einfach mal den Mangel abgeschafft. Ausgerechnet eine Erfindung schafft also die folgenreichste Erfindung ab. Natürlich erklärt hier aber niemand mehr, woher denn die Ressourcen für die Dinger kommen und wer Zugang zu dieser Technik hat. Irgendwer hat halt irgendwann beschlossen, ein guter Mensch zu sein und für diese unfassbare Technologie kein Geld haben zu wollen? Ok, ich will es mal so ausdrücken: das ist nicht wirklich einfach vorstellbar.

Auch witzig, aber wirklich wichtig: Kaum ist die Geldlosigkeit proklamiert, erfindet das Drehbuch ein Ersatzgeld: Goldgepresstes Latinum, die Währung der Ferengi und damit der Stoff, aus dem die Konflikte sind. Ist halt eine Serie und braucht Spannung. Ohne Geld bleiben die Konflikte eben auf Xenophobie und unfassbare, aber moralisch zweifelhafte Intelligenz (Q oder die Borg) beschränkt. Nimmt den Otto Normalbürger wie mich auch nur begrenzt mit.

Seifenkistenrennen

Geld ist nicht die wichtigste Erfindung der Menschheit. Aber es ist die folgenreichste, weil es zwei Dinge zugleich vollbringt: Es macht unsere verflochtene und organisierte Welt von heute erst möglich – und es verschärft gleichzeitig Ungleichheit, indem es Werte ohne reale Deckung schafft und die dadurch geschaffenen Abhängigkeiten real werden lässt – jeden Tag ein bisschen schneller – bis die Seifenkiste …

Vielleicht sollten wir nochmal nachschauen, wie die alten Mesopotamier die Sache so betrachtet haben. Kann ja nicht schaden.


Macht’s mal gut
jo


Hinweis: Ich habe eine KI meine Behauptungen, Fakten und Rechtschreibung prüfen lassen, und habe sogar ein paar Formulierungen übernommen. Ob das mein Zeug schlüssiger macht, müsst Ihr entscheiden. 🙂

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