Die Autorität des Irrtums — Über Wahrheit, Lüge und einen zu kleinen Gott

Ich bin zuletzt auf einige meiner Texte aus diesem Jahr zu Wahrheit, Lüge und Gott angesprochen worden – und irgendwann stand die Frage im Raum, wie sehr man diese Themen überhaupt trennen kann. Nun ja, es fing eben mit drei getrennten Fragen an, die sich dann am Ende weigerten, getrennt zu bleiben: Was ist Wahrheit? Was ist die Lüge? Und warum ist mir ein unfehlbarer Gott zu klein? Am Ende des dritten Textes stand klar vor mir, was ich zuvor in drei Texten umkreist hatte und warum irgendwann eine Zusammenfassung gut wäre. Diesem Gedanken folgend schreibe ich jetzt also diese eingedampfte Inhaltsangabe der drei angesprochenen Texte und versuche mich am Ende an einer Zusammenfassung.

Die Originale

Der Preis dieser Kurzfassung wird sein, dass Feinheiten, Fußnoten und der eine oder andere Nebenkriegsschauplatz bleiben auf der Strecke. Wer also – erstens – beim Lesen eines Satzes hier ein Fragezeichen auf der Stirn fühlt, sollte das Original lesen. Wer – zweitens – in die Tiefe will, sollte die Originale lesen – sie bilden eine Reihe und bauen aufeinander auf. Die Artikel sind:

Wer jetzt hier weiterliest, bekommt jetzt diese provokative Kurzfassung. Los geht’s.

Kernpunkte aus dem Artikel „Die Wahrheit“

Ich fange simpel an: Wahr ist, was mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Nur habe ich von dieser Wirklichkeit ausschließlich meine Wahrnehmung. Darum schließe ich daraus: diese Definition dreht sich im Kreis. Die Alternativen halten auch nicht besser: Widerspruchsfreiheit im System kann in sich stimmig und trotzdem grundfalsch sein, und „wahr ist, was sich bewährt“ liefert bei Bedarf handliche „nützliche Wahrheiten“. Bleibt die Grundfrage: Ist Wahrheit absolut, können wir sie kaum je sicher erkennen; ist sie relativ, gilt kein Satz mehr als sein Gegenteil.

Wer entscheidet dann? Die Institutionen — Wissenschaft, Kirche, Staat, Medien legen fest, was als wahr gilt und wer es aussprechen darf. Wahrheit und Macht hängen zusammen. Die Frage, die Pilatus an Jesus über Wahrheit stellt, bleibt auch in meinem Text unbeantwortet, vielleicht weil die Frage mehr wiegt als jede Antwort; Wahrheit ist vielleicht der Horizont, auf den man zugeht, ohne ihn je einzuholen.

Dazu kommen Sprache und Körper. Selbst mathematische oder physikalische Wahrheiten wirken sprachunabhängig, lassen sich ohne Sprache aber nicht fassen. Und Erkenntnis entsteht nicht nur aus Logik, sondern aus Orientierung, Bewegung, Instinkt — Denken als verkörperter Vorgang. Was die unbequeme Frage aufwirft, ob eine künstliche Intelligenz Wahrheit versteht oder nur simuliert: Ohne Körper verarbeitet sie Statistik und Struktur. Offen — ehrlicherweise nicht viel anders als bei uns, die wir womöglich auch nur unsere Wahrnehmung für die Welt halten.

↳ Vertieft im Artikel Die Wahrheit, u. a. in den Abschnitten Die Wahrheitsregime, Pilatus‘ Frage und Die künstliche Intelligenz.

Kernpunkte aus dem Artikel „Die Lüge“

Der Text beginnt mit einem Gedicht über Erinnern und Vergessen – schon unser Gehirn filtert und formt, was es für wahr hält. Die Lüge ist deshalb kein bloßer Gegenpol der Wahrheit, sondern ihr Schatten, der das Original oft eindrucksvoller nachstellt, als dieses sich selbst gibt. Was zählt überhaupt als Lüge? Klassisch: die bewusst falsche Aussage mit Täuschungsabsicht. Nur sind die Ränder fransig – Irrtum, Fiktion und Metapher lügen nicht, und Schweigen kann täuschen, ohne ein falsches Wort zu sagen.

Ich sortiere die Formen. Die institutionelle Lüge – Propaganda, Greenwashing – arbeitet mit gezielter Desinformation; die strukturelle kommt ohne falsche Aussage aus und erledigt alles über Rahmung und selektive Wahrheit. Sprache ist dabei das Werkzeug: Euphemismus, Framing, die kulturell codierte Höflichkeitslüge (in Japan zur Kunstform gebracht). Satire und Humor lügen, um Wahres offenzulegen – bis man ihnen den Kontext nimmt, dann werden sie zu Fake News.

Moralisch bleibt die Sache unentschieden. Kant verbot die Lüge aus Prinzip; die Edelweißpiraten fälschten Papiere und leisteten damit Widerstand. In Beziehungen reicht die Spanne von der harmlosen Notlüge bis zum Vertrauensbruch. Und bewertet wird ungleich: Frauen galten historisch schnell als „geborene Lügnerinnen“, während man Männern die „strategische Lüge“ in Politik und Krieg als Kunstfertigkeit anrechnete. Heute industrialisieren Deepfakes, KI und Algorithmen die Täuschung. Am gefährlichsten ist mit Frankfurt aber nicht der Lügner, der die Wahrheit immerhin noch kennt und ihr ausweicht, sondern der Bullshitter, dem sie schlicht gleichgültig ist – er sagt, was nützt.

Am Ende sind Lüge und Wahrheit kaum zu entwirren: Lügen können Wahres offenbaren, in Kunst wie Wissenschaft, und schon Nietzsche hielt Wahrheit für eine „nützliche Lüge“, die das Chaos ordnet. Selbst der Körper mischt mit und quittiert die Täuschung mit Stress, während das Bewusstsein sie noch rechtfertigt. Vielleicht brauchen wir die Lüge sogar – als Kontrast, an dem sich die Wahrheit erst als bewusster Akt begreifen lässt; Hannah Arendt nannte sie nicht das Gegenteil der Wahrheit, sondern ihren „pervertierten Zwilling“. Bleibt die Frage, ob wir sie brauchen, damit sich die Balken biegen – damit aus dem geraden, unerreichbaren Ideal eine Form wird, in der sich leben lässt.

↳ Vertieft im Artikel Die Lüge, u. a. in den Abschnitten Formen der Lüge (Propaganda, Greenwashing), Die neue Ära der Täuschung (Frankfurts Bullshitter) und Lügen, damit sich die Balken biegen.

Kernpunkte aus dem Artikel „Ein Konstruktionsfehler namens Unfehlbarkeit“

Meine These hier: Nicht die Welt ist zu klein für Gott, sondern die Gottesvorstellung zu eng für die Komplexität des Universums. Ich ziele dabei nicht auf Gott als philosophisches Konzept, sondern auf den Gott, den die monotheistischen Religionen in ihren kanonisierten Texten festgeschrieben haben.

Am Vers „Macht euch die Erde untertan“ (Genesis 1,28) lässt sich zeigen, wie derselbe Text für Gegensätzliches taugt – vom ökologischen Raubbau bis zum Naturschutz. Wenn ein Buch alles begründen kann, taugt es als moralischer Kompass nichts: Sobald ich eine außerbiblische Moral brauche, um zwischen den Deutungen zu entscheiden, wozu dann noch die Bibel?

Diese Texte lese ich als frühe Informationstechnologie – genial darin, Normen und Identität über Jahrtausende zu konservieren. Nur hat die Haltbarkeit einen Preis: Die Unveränderlichkeit, garantiert durch göttliche Autorität, macht das System lernunfähig. Wo Korrektur als Blasphemie gilt, kann sich nichts weiterentwickeln. Es gibt Interpretationsgemeinschaften – den Talmud, die theologische Debatte –, die nachbessern, aber sie müssen sich gegen die Trägheit des Textes durchsetzen, oft mühsam und nicht selten blutig.

Dazu kommt meine Abrechnung mit dem ewigen Leben. Für mich ist das Leben gerade wegen seiner Endlichkeit etwas wert; alles, was ich schätze, bezieht seinen Sinn aus der Knappheit und der Existenz der Zeit. Ewigkeit als aeternitas, als zeitlose Fülle, ist für mich kein ewiges Leben, sondern das Abräumen der Bühne, auf der Leben überhaupt spielt. Ohne Zeit kein Ich, das erlebt – und damit kein Leben im eigentlichen Sinn.

Woraus meine eigentliche These folgt: Autorität entsteht heute nicht trotz, sondern wegen der Fähigkeit, sich zu irren und zu korrigieren. Wissenschaft, Rechtsstaat und offene Gesellschaft leben davon. Ein Gott, der sich das nicht leisten kann, ist mir darum zu klein – nicht wegen der Größe des Universums, sondern weil die Fähigkeit zur Selbstkorrektur die größte Stärke eines Systems ist.

↳ Vertieft im Artikel Ein Konstruktionsfehler namens Unfehlbarkeit, u. a. in den Abschnitten Ein Vers und seine Fußnoten, Eine Technologie, die nicht lernen darf und Ein Nachtrag über die Ewigkeit.

Was verbindet die Texte?

Hinter allen drei Texten steckt dieselbe Ahnung: dass das Starre, das Feste, das Unverrückbare – der Stoff, aus dem wir gern unsere Gewissheiten bauen – am Ende genau das verfehlt, was es fassen will. Die Wahrheit, die keinen Widerspruch mehr duldet, wird zum Wahrheitsregime. Die Lüge tarnt sich als sichere Fake-News-Maschine. Und der heilige Text, für die Ewigkeit gesichert, kann sich selbst nicht korrigieren – also erledigt das die Auslegung, beliebig.

Was für mich daraus folgt, ist weniger Antwort als Bewegung – hin zu der Einsicht, dass Autorität heute nicht aus Unfehlbarkeit kommt, sondern aus ihrem Gegenteil: aus der Fähigkeit, sich zu irren und es zuzugeben. Wer sich das nicht leisten kann, ist zu klein für die Welt. Egal ob Gott, Regime oder Überzeugung.

Die Hoffnung auf eine Zukunft für eine geeinte Menschheit entstehen für mich, wenn wir unfehlbare Sicherheit in Sachen Wahrheit, Lüge und Götter durch die Fähigkeit zur Selbstkorrektur ersetzen und zu einer Akzeptanz von Widersprüchen kommen. Erst durch Flexibilität und die Bereitschaft, sich zu irren, entstehen lebendige, widerstandsfähige Strukturen – sei es in der Philosophie, der Ethik oder im Glauben. Und damit schließt sich mein Kreis: Ob heiliger Text, „nützliche“ Wahrheit oder zeitlose Ewigkeit – das Starre verfehlt immer das Lebendige. Ein Gott, der sich das nicht leisten kann, ist mir darum schlicht zu klein. Und ja, ich weiß, Theologen empfinden das erwartungsgemäß als keine gute Idee und ziehen sich an dieser Stelle regelmäßig auf die Glaubensfrage zurück. Das ist dann die Stelle, an der ich nur noch in unser aller Interesse gutes Gelingen wünschen kann.

So, ich hab‘ mir Mühe gegeben, die drei Texte zusammenzufassen und bin nur mäßig zufrieden mit dem Ergebnis. Darum meine Bitte: lest die Originale. Danke.

Macht’s mal gut.
jo

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