Echos

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Echos sind ne tolle Sache. In der Musik geben sie Tönen ein zweites Leben und der Musiker, der sie zu nutzen weiß, kann damit seine Ausdrucksweise dramatisch erweitern, in dem er mit seiner Vergangenheit kommuniziert. Das muss jetzt dem Nichtmusiker alles nichts sagen, denn wenn ich hier das Wort Echo verwende, denken gerade sowieso alle an ganz andere Themen. Zum Beispiel an zwei junge Burschen, denen das Trash-TV vor kurzem ein paar sauteure und wertvolle Werbeminuten einräumte. Diese Gelegenheit nutzten die beiden in absolut professioneller Art und Weise um komplett neue Konsumentenschichten mit Halbwissen und Vorurteilen aus der untersten Schublade, verpackt in eine Reimform und unterlegt mit völlig belangloser Musik, zu erreichen. Das muss bei einem großen Teil der etablierten Musiker-Prominenz verwirrend viele Echos im Kopf ausgelöst haben, denn entweder sagten sie gar nix oder sie hießen Campino.

Aber der Reihe nach. Ich habe mir die Videos und Nachrichten von K. und F. im Netz angesehen. Mein Eindruck: das sind Fanboys verschwurbelter Weltverschwörungstheorien, deen Inhalt im Grunde egal scheint, Hauptsache sie können sich als Opfer/Rebell/Superhero sehen. Sie sind mit jeder Menge Halbwissen und unreflektierten Vorurteilen aus vergangenen Jahrhunderten ausgestattet und erleben täglich, dass ihre Konsumenten Halbwissen und Vorurteile lieben. Genau das liefern die beiden dann auch. Sie benutzen dabei oft Worte, deren tatsächliche Bedeutung sie ganz offensichtlich nicht kennen. In der Nutzung sozialer Medien sind sie allerdings absolute Reichweiten-Profis. Dadurch richten sie werte-, moral- und bildungstechnisch einen immensen Schaden an. Sie sind Musterexemplare dieser unglaublich dummen Menschen, die diese Gesellschaft jetzt schon seit Jahrzehnten produziert, egal ob hier geboren oder zugewandert. K. und F. sind dumme Menschen, aber eben unglaublich reiche dumme Menschen. Damit hat sich diese Geschichte dann aber auch für mich, denn die beiden sind austauschbar. Die nächsten Kolleirgendwasse und Fadingsbumse stehen schon in den Startlöchern. Jede Wette.

Was mich ärgert, ist die bräsige und moralisch bedenkliche Art und Weise wie das Establishment in der Musikindustrie mit diesem Fall umgeht. Ich meine damit nicht nur die Agenturen, Musikkonzerne und Veranstalterbutzen, sondern auch die etablierten Künstler an sich. Ich meine die Campinos, die Westernhagens, die Maffays und so weiter und so weiter. Alle die, die sie sich entweder zeitnah oder in der großen Welle danach empört äußerten. Diejenigen, die eine reine Geldproduziermaschine wie den Echo seit Jahren und Jahrzehnten nutzten und hofierten, weil sie eben alle Teil dieser Geldmaschine sind. Diejenigen, die früher selber provozierend Grenzen überschreiten wollten und heute aber diejenigen sind, die die Grenzen definieren wollen. Ein Westernhagen gibt seine (keine Ahnung wieviele) Echos zurück und empört sich über die Echoehrung der beiden Jungs, deren Texte zum Beispiel auch sexistische Aussagen beinhalten. Das sagt der Mann, der Texte wie Willenlos, Sexy und Ladykiller geschrieben hat? Jaja, ich weiß, der Mann wollte nur dem weiblichen Geschlecht huldigen. Das wollten die Männer in den Fünfzigern aber auch, wenn sie dem weiblichen Geschlecht huldigten, indem sie Frauen vor ihren Küchengeräten im Petticoat ablichteten. Die Revolution hat ihre Kinder längst gefressen und rülpst beständig sie auf Groß- und Preisverleihungsbühnen aus.

Ich will mich nicht als Moralinstanz aufspielen. Das sollte ich an dieser Stelle jetzt wohl sagen, um eine argumentative Distanz zu den von mir erwähnten Menschen herzustellen. Doch das ist im Grunde sinnlos, denn jeder meiner Sätze vorher kann genau in diesem Licht gelesen werden. Auf der anderen Seite kann man mir aber auch vorwerfen, ich könne das ja gut schreiben, denn ich bin ja einer der in diesem Sinne erfolglosen Künstler. Das ist ein beliebtes Argument im Kapitalismus: sei erstmal erfolgreich, dann kannst Du mitreden. Totschlagargument.

Ist das Problem jetzt klar? Wenn man sich zum Teil einer Sache macht, ist man eben Teil dieser Sache. Sprich, die Veranstaltung Echo ist das Spieglein, Spieglein an der Wand einer geldproduzierenden Industrie, in der der Künstler nur guter Künstler ist, wenn er Geld verdient und Quote bringt. Künstler sind dort Produktionsmittel einer sich selbst steuernden, wachsenden Maschine. Du gehst in die Maschine. Du wirst geformt von der Maschine. Du bist Teil der Maschine. Und der Zweck der Maschine ist eine größere Maschine zu werden. Die Steuereinheiten dieser Maschine, die Manager, die Jury und die Fernsehmacher orientieren sich an Quoten. Grenzüberschreitung bringt Quoten. Moral und Bildung bringen keine Quoten. Das war schon immer so und bis zu den Nestbeschmutzern Freiwild und Farid, die die Maschine etwas zum stottern brachten, hatten damit erstaunlich wenige Künstler Probleme.

Ja, Campino hat Sätze gesagt, die in Ordnung sind, die Common Sense sind, aber er bleibt doch Teil der Veranstaltung. Er nimmt den Echo und Punk ist nicht mehr Punk. Nebenbei: das ist er schon lange nicht mehr. Diesen Umstand jedenfalls hätte er für meine Begriffe als Selbstkritik auch erwähnen müssen, um diese eine Stufe tiefer zu argumentieren und zu zeigen, dass seine Zunft eine zutiefst widersprüchliche ist. „Ich finde rechte Dumpfbacken scheiße und sie sollten keinen Echo kriegen.“ ist als Kernaussage einfach zu wenig. Das ist nicht wirklich moralisch wegweisend. Wirklich wegweisend wäre es, sich selbst als Teil der Veranstaltung in Frage zu stellen. Es gibt Künstler, die nicht dorthin gegangen sind, die noch nie dorthin gegangen sind. Künstler, die trotzdem gehört werden. Es gibt in Zeiten von Social Media andere Bühnen mit Reichweite. Das zeigen ja auch die beiden anfangs erwähnten Jungs, die genau ob ihrer schon vorhandenen Reichweite den Echo quasi als Zugabe abräumten, und die den im Wegschauen geübten Zuschauern auf der Echo-Bühne ihr völlig unterentwickeltes und von spätpubertären Gewaltphantasien geprägtes Weltbild präsentieren durften.

Das ist eben so eine Sache mit den Echos. Man wird durch sie mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Ob sich daraus in der Gegenwart Harmonien oder Dissonanzen ergeben, ist ein Frage von Wissen und Können. Andere Wörter dafür: Bildung und Haltung. Was den Antisemitismus und andere menschenverachtende Tendenzen in der Gesellschaft angeht, ist meine Meinung, dass diese durch unser aller hingebungsvolle Anbetung des Kapitalismus, der, nebenbei bemerkt, mit Sicherheit die dominierende Religion des dritten Jahrtausends ist, immer weiter und weiter produziert werden. Die Herkunft der gläubigen Trottel spielt dabei bald keine Rolle mehr. Die Grenzlinien verwischen. Gestern war der kahlrasierte Sachsenjungnazi der am Kapitalismus scheiterte das Problem, heute ist’s der Goldketten-Rap-Marokkaner, der den Kapitalismus komplett aufgesogen hat. Was das angeht, kann man auf Integrationsbemühungen getrost verzichten, denn wozu oder wohin soll ich da wen integrieren? Aber das ist ein anderes Thema.

[Update 26.04.2018]

Ja, da schau mal an. Da hat der Echo das Echo nicht vertragen und ist weg. Nochmal? Der Echo ist weg. Hört sich dramatisch an, ist es aber nicht. Ist ne simple kaufmännische Entscheidung, denn das Produkt hatte seit ca. 2 Wochen akuten Ladenhüterstatus, nachdem die Promis ihre Metallteile zum Recycling zurückgegeben haben.

Ein Naivling, wer jetzt aber glaubt, dass es das war. Das Ding wird garantiert weichgespült und in anderem Gewand wieder kommen. Die Major-Labels werden sich so eine Werbeplattform nicht nehmen lassen.

Besonders schräg ist allerdings, dass die beiden Dumpfrapper jetzt im Netz teilweise sogar gefeiert werden, als die Helden, die das Ding gestürzt haben. Ok, Ursache und Wirkung sind halt nicht jedermanns Sache.

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