Die Jägerzaundeutschen

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Ich habe gestern ein Video von einem Herrn Kölsch gesehen. Der Mann war wohl mal Richter und hat ein Bundesverdienstkreuz gekriegt. Das hat er jetzt zurückgegeben. Er ist nämlich empört und er sieht seine Grundrechte verletzt. Außerdem sagt er, ist Corona ja gar nicht so schlimm, wie Politik das darstellt und die Inzidenzen sind erfunden/geschätzt/geraten/unwichtig. Ich werde das Video hier nicht verlinken. Sucht euch den Mist selber. Ihr werdet bei Facebook, Twitter, WhatsApp und Telegram ziemlich schnell finden, was dieser frustrierte alte Mann von sich gibt. Es ist im Grunde nur Politik-Bashing, garniert mit ein paar Verweisen auf Grundgesetz-Paragraphen, die er sich genauso hinbiegt, wie der Pfarrer das wöchentliche Bibelzitat, damit es irgendwie zur Predigt und dem aktuellem Bezug passt. Kernaussage: Da darf jemand was, was du nicht darfst. Mimimi, Grundrechte, blablabla!


Grundrechte? Oh! Er hat Grundrechte gesagt! Ahhh! Mir! werden! Grundrechte! vorenthalten/geklaut/verweigert?Diebstahl! Und wenn’s der Jurist sagt, dann muss es ja (Achtung!) Fakt sein!


Nein. Der Herr Kölsch, obwohl alt genug, dass er es besser wissen müsste, und seine Fans gehören für meine Begriffe zu den Jägerzaundeutschen. Das ist meine Definition von der Sorte Bundesbürger, die im gemachten Nest Deutschland geboren wurden und hier durch das Geburtsrecht in geistiger Rente leben dürfen. Menschen, die den Reichtum dieses Landes mit der Babymilch eingesogen haben und für die so ziemlich alles auf der Grundannahme „Das steht uns zu!“ gebaut ist. Diese Menschen sind auf das Haben fixiert – sie besitzen. Sie besitzen Geld, Dinge, Immobilien, Rechte, Einsichten – alles Besitz. Sie zitieren zwar in Gesprächen durchaus gerne Werte wie Solidarität, Gemeinsinn, Demokratie und christliche Fürsorge, aber wenn sie solche Sachen sagen, dann wirkt es, als ob Thomas Gottschalk und Markus Lanz politische Sätze sagen: selbstverliebt und belastbar wie Eisflächen im Frühjahr. Es klingt, als ob sie diese Dinge bei Aldi gekauft, im Vorgarten einbetoniert haben, und höchstens nochmal einmal im Jahr dampfstrahlen.


Diese Menschen leben in ständiger Angst davor, dass man ihnen was wegnimmt. Ist eben tricky, wenn Du alles als Besitz definierst. Von überall droht dann Gefahr, denn Besitz kann Dir geklaut werden. Die Bedrohungen sind vielfältig. Grundsätzlich zählt dazu mal alles, was fremd ist: Aktuell eine, wahlweise unfähige oder böse Regierung, die mit Hilfe eines ortsfremden Fake-Virus die all-inclusive gebuchte Lebensweise sabotiert.


Erschreckend ist, wie sehr sowas bei den austherapierten Facebook-Nutzern/Jägerzaundeutschen verfängt. In deren Kosmos ergibt so ein Gelaber richtig viel Sinn. Das passt bei denen in die Kategorien „Politiker sind scheiße“, „die Regierung ist gekauft“ und „die Weltverschwörung nimmt ihren Lauf“. Nicht zu vergessen, der aktuelle Top-Hit: „Man nimmt uns die Grundrechte weg!“ Da traut man seinen Augen und Ohren nicht, wenn Menschen, die im Regelbetrieb ihres täglichen Lebens nicht mal drei grundlegende „Rechte“ aus dem Grundgesetz zusammengestammelt kriegen, jetzt zu Fachleuten des Verfassungsrechts werden und den Zusammenbruch der demokratischen Grundwerte und (ganz wichtig) den Totalverlust ihrer Freiheiten erleiden. Würde man an dieser Stelle im Gespräch zaghaft einfügen, dass das Grundgesetz auch und zuerst mal als Pflichtenheft gelesen werden sollte, wäre das fassungslose Entsetzen des Wutbürgers in jedem Hollywood-Alien-Film ungeschnitten einsetzbar.


Ich hab das vielleicht schon zu oft in meinem öffentlichen Leben gesagt, geschrieben und gesungen und tu es trotzdem nochmal: ich halte diese Menschen für die eigentliche Gefahr für unsere Demokratie. Das Besitz- und Anspruchsdenken dieser Menschen macht sie – und in der Folge uns alle – zu Opfern der Aushöhlung von wirklich wichtigen Werten unserer Gesellschaft, wie zum Beispiel zuerst mal die Freiheit des Anderen zu schützen. Ja, schon klar, das ist ein f***ing Boomerang, ich weiß, denn es gibt das superwichtige und urdemokratische Recht auf Dummheit, Uninformiertheit und Meinungsäußerung, aber ernsthaft … das ist aktuell wieder mal ein harte Prüfung, lieber Voltaire.


Jetzt noch mein Senf zur aktuellen Lage:

Menschen, die geimpft sind, sollten natürlich so schnell wie möglich wieder für normale Bewegungsabläufe innerhalb des sozialen Lebens sorgen, denn das hilft der Binnenwirtschaft, der epidemiologischen Lageeinschätzung und damit uns allen. Außerdem ist es ein Anreiz für die Leute, die bis jetzt nicht kapiert haben, dass die Impferei der einzige Weg aus diesem Schlamassel ist. Damit wird in keiner Form das Recht von Ungeimpften beschnitten, im Gegenteil es hilft den Impfunwilligen schneller wieder altgewohnte Besitzstände zu erreichen. Also, liebe Jägerzaundeutschen, wenn schon keine Erkenntnis verfängt, dann doch wenigstens eine pragmatische Erwartungshaltung. Danke.

Appendix:
Und wenn die jungen Menschen in diesem Land mal Verzicht üben müssen, dann ist das eine mehr als notwendige Lektion für’s Leben. Die allerdings nur verfängt, wenn die Altvorderen ihren Nachkommen vermitteln können, dass es Grundpflichten und Grundhaltungen gibt, die man zuerst kultiviert, bevor man nach Grundrechten schreit.


Schönes Restwochenende noch.

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